Einträge werden verändert
Politische Schlammschlacht bei Wikipedia

Das Wiki-Prinzip der Offenheit soll eigentlich eine hohe Informations-Qualität gewährleisten. Schließlich ist, wenn ein Online-Artikel von allen verbessert werden kann, das Ergebnis im Ideal ohne jeden Fehler. Soweit die Theorie, in der Praxis wird die amerikanische Ausgabe von Wikipedia derzeit immer tiefer in den Strudel des Wahlkampfs gezogen.

HB ATLANTA. Wenige Monate vor der Kongresswahl im November beäugen sich die gegnerischen Lager argwöhnisch, ob politisch interessante Artikel der einflussreichen Online-Enzyklopädie nicht auf unerwünschte Weise geändert werden.

Bereits Anfang des Jahres haben einzelne Mitarbeiter von Kongressabgeordneten so viele Artikel verändert, dass sich die Betreiber der Wikipedia gezwungen sahen, bestimmten IP-Adressen aus dem Kongress den Zugang zu sperren. Am häufigsten verändert wurde der Artikel über US-Präsident George W. Bush. Wegen wiederholter Fälle von „Vandalismus“ sei das Ändern dieses Artikels für neue und nicht registrierte Wikipedia-Verfasser bis auf weiteres gestoppt worden, heißt es in dem Artikel über Bush. Trotzdem weist die Dokumentation der Änderungen dieses Artikels an manchen Tagen weit mehr als 20 Neufassungen auf.

Betroffen sind aber auch die Artikel zu weniger prominenten Personen. So wurde das Alter des ältesten Senators Robert Byrd kurzerhand von 88 auf 180 Jahre heraufgesetzt. Der Abgeordnete Jim Marshall aus Georgia wurde als „zu liberal“ beschrieben, unter anderem wegen finanzieller Unterstützung durch ein von Hillary Rodham Clinton geleitetes Komitee.

Manchmal wird auch ganz subtil versucht, Geschichte neu zu schreiben. So verschwand der Name des in Misskredit geratenen republikanischen Politikers Tom DeLay aus den Biographien einiger Abgeordneter, die Beziehungen zu ihm hatten. Mitarbeiter des Abgeordneten Martin Meehan löschten bei diesem den Hinweis auf sein Versprechen, dass er höchstens vier Amtszeiten im Kongress sein werde.

In Georgia verlor der Wahlkampfleiter einer Kandidatin für das Amt des Gouverneurs seinen Job, weil er den Eintrag eines Kontrahenten geändert hatte: Morton Brilliant hatte der Biografie des stellvertretenden Gouverneurs Mark Taylor den Hinweis hinzugefügt, dass dessen Sohn in einen tödlichen Unfall verwickelt und wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen worden war. Das war inhaltlich zwar korrekt, Brilliants Chefin Cathy Cox befand aber, dass die juristischen Problems des Sohns nichts mit dem Wahlkampf zu tun hätten.

Rund 1 000 Freiwillige bemühen sich bei der Wikipedia, falsche oder verfälschende Einträge und Fehler aufzuspüren. „Das Schöne an einem Forum wie diesem ist die Redefreiheit“, sagt Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. „Aber wir treten auch für eine neutrale Sichtweise ein.“ Ob diese Unparteilichkeit in allen Fällen gewährleistet ist, ist nicht immer einfach zu bestimmen. Noch schwieriger ist festzustellen, wer mit welchem Interesse eine Seite geändert hat.

Die ständige Offenheit für Überarbeitungen aller Art stellt die Wikipedia vor eine große Herausforderung. Nur wenn sie diese bewältigt, wird sie ihren Ruf und ihre Bedeutung erhalten können. Zurzeit registriert die Wikipedia 25,6 Mill. Besucher im Monat - das ist Platz 18 der meistbesuchten Internet-Angebote.

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