Erschaffung der Zukunft
Das Ende des Bildschirms

Der Computer von morgen braucht keinen herkömmlichen Bildschirm mehr. Er bekommt ein Multi-Touch-Display und wird ganz einfach mit Daumen und Zeigefinger bedient. Die neue Technik ist mehr als eine Masche der Computerindustrie: Sie läutet eine neue Ära ein.
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DÜSSELDORF. Jefferson Han teilt den Grand Canyon. Mit beiden Händen schiebt der Forscher des New Yorker Courant-Instituts für Mathematische Wissenschaften die Wände auseinander, taucht ein in Schluchten und überfliegt den Fluss Colorado mit ausgestreckten Armen. Google Earth liefert die Bilder dazu, die ein Projektor auf eine große Wand aus Plexiglas wirft.

Als Tom Cruise vor fünf Jahren im Science-Fiction-Thriller "Minority Report" so eine ähnliche Technik zeigte, sah das noch recht unbeholfen aus. Der Hollywood-Star gestikulierte angestrengt herum, um verzweifelt Dokumente in der Datenbank zu finden. Han hingegen fasst die Bilddateien ganz lässig an, schiebt sie auf der Scheibe hin und her und lässt sie mit einem Fingerschnipsen wieder verschwinden. Das Wunder-Display des 30-jährigen Elektroingenieurs funktioniert ganz real: Über sein Jungunternehmen Perceptive Pixel verkauft der Sohn koreanischer Immigranten, der mit zwölf Jahren seinen ersten Laser baute, das Display seit Jahresbeginn ans US-Militär, an Rüstungskonzerne und Museen. Noch kostet die Luxusvariante des sogenannten Multi-Touch-Display einen sechsstelligen Betrag. Doch die Technologie, die nach Ansicht vieler Experten die Bedienung der Computer revolutionieren wird, drängt nun in großen Stückzahlen auf den Markt: Am 29. Juni werden in den USA die ersten iPhones von Apple an die Mobiltelefongesellschaft AT&T ausgeliefert. Das rund 500 Dollar teure Geräte ist das erste massentaugliche Gerät mit Multi-Touch-Display.

Gesteuert wird es statt über Tasten oder Stift mit dem laut Apple-Chef Steve Jobs "ultimativen Zeigegerät": dem menschlichen Finger. Ein Wisch mit dem Zeigefinger, schon blättert sich das Adressbuch auf. Werden Daumen und Zeigefinger aufeinander zu bewegt, wird die Schrift oder ein Foto verkleinert, die entgegengesetzte Bewegung vergrößert sie. Entwickelt wurde die Technik vom Multi-Touch-Pionier Fingerworks, den Apple 2005 übernahm. Jobs will die Technik auch für andere Produkte nutzen, für iPods und Computerdisplays. Wann und wie genau, wird er diese Woche auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz Mac World in San Francisco verraten.

Die neue Art, Computer zu bedienen ist mehr als eine Masche der Elektronikindustrie. Sie läutet eine neue Ära ein, der Computer von morgen entsteht. Chris North, Professor für Computerwissenschaften an der Virginia Tech-University in Blacksburg: "Tastatur und Computermaus werden in einigen Jahren ausgedient haben." Das glaubt auch Microsoft-Forscher Bill Buxton, der seit den Achtzigerjahren an neuen Bedienkonzepten für Computer tüftelt: "Multi-Touch schließt die Lücke zwischen der physischen und der virtuellen Welt." Computer, Unterhaltungselektronik, Software, aber auch das Internet, so seine Vision, werden künftig intuitiv gesteuert. "Die Computer richten sich künftig nach den Bedürfnissen des Menschen und nicht mehr umgekehrt."

Während Perceptive-Pixel-Chef Han noch von interaktiven Zimmertapeten und Schreibtischplatten träumt, zeigte Wettbewerber Microsoft dieser Tage auf einer Technologiekonferenz eine eigene Interpretation von Multi-Touch: einen Couchtisch mit einer berührungsempfindlichen Plexiglasscheibe. Im Innern des "Surface" (Oberfläche) getauften Möbelstücks arbeiten ein Rechner mit Windows Vista, ein Projektor, Laserdioden und fünf Infrarotkameras. Die Bauteile machen aus der Plexiglasscheibe ein Computerdisplay. Kameras messen, wie stark mit dem Finger auf die Tischoberfläche gedrückt wird, indem sie die abgelenkten Infrarotstrahlen analysieren.

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