Facebook 2010
Mehr als eine Datenkrake

2010 war auch das Jahr von Facebook. Wieder einmal, denn das größte soziale Netzwerk wächst seit Jahren rasant. Wie nie zuvor wehte Facebook-Chef Mark Zuckerberg in diesem Jahr allerdings auch der scharfe Wind von Kritikern entgegen. Im Zentrum stand dabei die Kritik am Umgang mit Daten. Doch die Macht von Facebook reicht längst viel weiter.
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DÜSSELDORF. Daten- und Verbraucherschützer sind 2010 gegenüber Facebook in den offenen Widerstand getreten. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) mahnte das Unternehmen erst ab und kündigte dann eine Klage an. Begründung: Facebook halte sich nicht an Absprachen und die deutschen Gesetzen zum Schutz persönlicher Daten. Nutzern des Dienstes riet der VZBV zum Umstieg auf andere Anbieter wie die VZ-Netzwerke. Die waren in einem Test der Stiftung Warentest die Gewinner in Sachen Datenschutz.

Allein, es half alles nichts: Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner löschte zwar ihr Profil, doch Millionen andere kamen hinzu und Facebook wuchs auch 2010 kräftig, während die Konkurrenz das Nachsehen hatte. Dagegen konnte nicht einmal Hollywood etwas ausrichten, das den Facebook-Chef und Gründer Mark Zuckerberg als rücksichtloses Arschloch inszenierte. Facebook ist unbeliebt, zeigen Umfragen unter amerikanischen Verbrauchern, und dennoch für immer mehr Menschen offensichtlich unverzichtbar.

Das Online-Netzwerk ist der jüngste Beweis der Beschleunigung bei der Entwicklung von Massenmedien. Unter Marketing-Leuten wird die Geschichte erzählt, das Radio habe noch 38 Jahre gebraucht, um weltweit 50 Millionen Nutzer zu erreichen, das Fernsehen 13. Facebook schaffte diese Zahl in neun Monaten, 2010 wurde die Marke von 500 Millionen überschritten. "Facebook ist das drittgrößte Land der Erde geworden" kommentierte kürzlich die französische Zeitung "La Voix du Nord" die Ernennung von Mark Zuckerberg zur "Person of the Year" des TIME-Magazins. Es versammelt fast ein Zehntel des Planeten auf seinem Portal.

Da wirkt es auf manch einen gespenstisch, dass ein erst 26-Jähriger Multimilliardär über all die privaten Nachrichten, Fotos und Profilinformationen herrscht, die die Heerschar der Facebook-Nutzer ihm anvertraut. Nicht gerade vertrauensbildend wirkten dabei auch Mitschnitte aus einem privaten Chat, in dem sich Mark Zuckerberg offen mit einem Bekannten in den Gründertagen von Facebook austauschte. Freimütig bot der damals 19-Jährige dabei E-Mails, Adressen und private Fotos von Havard-Studenten an. "Wenn du je eine Info über irgendwen in Havard haben willst, lass es mich wissen. Sie vertrauen mir einfach, diese Idioten", soll Zuckerberg gesagt haben. Ein Dementi von Facebook gab es nicht.

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  • @Undisclosed
    Sie mögen vielleicht Recht haben, dass der Mensch das bedürfnis nach zwischenmenschlcihen beziehungen hat, ich wage es allerdings sehr in Frage zu stellen, dass Facebook oder sonst eine andere virtuelle Plattform die Fähigkeit dazu steigert.
    Es ist sogar genau das Gegenteil dazu zu erkennen. Obwohl bei vielen Nutzern die Zahl der Freunde teilweise bis ins Absurde und Astronomische steigt, geht bei vielen dieser Leute die Fähigkeit, wirklich ehrliche, feste und gute Freundschaften zu pflegen sogar zurück. Stattdessen verlieren sich viele bei der Vielzahl an Freunden im oberflächlichen Geplänkerl, banalen und stupiden Statusmeldungen, Kurznachrichten und belanglosen Anstupsen, Kommentare schreiben oder sonstigen hirnlosen Verlinkungen und Empfehlungen.

    Facebook fördert nicht zwischenmenschliche beziehungen, sondern ist eine sehr effiziente Methode Zeit zu vergeuden und die wohl mit Abstand genialste Marketingmaschine und Datenkrake der Welt, weil sie auf Freiwilligkeit beruht.

    Wenn die Menschen zwischenmenschliche beziehungen pflegen wollen, sollten sie vielleicht mal häufiger zum altbewährten Telefon greifen, eine aussagekräftige mail schreiben, die über mehr als 160 Zeichen hinausgeht oder sich schlicht und einfach mal häufiger mit den Freunden zu treffen. Aber dazu fehlt vielen heute merkwürdigerweise die Zeit. Komisch, nicht?

    Und ganz nebenbei liefern die naiven Nutzer bereitwillig tonnenweise infos über sich selbst an kaufbereite interessenten und Werbeanbieter.

  • Nee, facebook bedient kein bedürfnis, dies bedürfnis ist "künstlich" anerzogen worden seit dem Kindergarten. im Kindergarten wird es anerzogen und es werden beispielsweise Freundebücher seit Jahren industriell vermarktet. Diese psychologische Anerziehung wird vom Kindesalter an geprägt und ist eben nun auch im internet vorhanden.

    in Deutschland werden Freundschaftem aufgrund von interessengemeinschften schon von Kindesbeinen an geprägt und jeder plappert es nach und dies wäre so.

    Als kind kam mir das schon merkwürdig vor und ich lehnte es ab, und bis heute vertete ich die Auffassung: Ein Freund hat mit gemeinsamen interessen überhaupt nichts zu tuen.

  • Dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen. Denn Facebook bedient schlichtweg ein bedürfnis, das wir tagtäglich bei uns tragen: das bedürfnis nach zwischenmenschlichen beziehungen. Daher stellt Facebook ebenso wenig eine Modeerscheinung dar wie das internet an sich.

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