Fernsehen der Zukunft
Filme im Nachtschrank

Andreas von Bechtolsheim, Mitbegründer von Sun Microsystems, ist der wohl fleißigste Multimilliardär im Silicon Valley. Seine neue Idee: ein Supercomputer, der in der Lage ist, 30 000 Videos in DVD-Qualität in einem Kasten von der Größe eines Nachtschrankes zu speichern. Fünf Jahre lang haben Bechtolsheim und ein Team an der neuen Wundermaschine getüftelt.
  • 0

Andreas von Bechtolsheim kommt wie immer zu spät. 20 Minuten sind bei ihm die Regel. Diesmal überzieht er sogar um eine halbe Stunde. Aber das nimmt ihm niemand übel - es ist sein Markenzeichen.

Der Ingenieur eilt auf dem Menlo Park Campus des Computerherstellers Sun wie eh und je von einer Sitzung zur anderen. Ab und zu hört Andy die Mailbox seines Handys ab, um zu prüfen, wer gerade auf ihn wartet. Doch wenn ihm etwas wirklich wichtig ist, wirft er schon mal seinen Terminplan über den Haufen und erklärt geduldig eine neue Idee. So wie jüngst im Gespräch mit mir den geplanten Supercomputer - "den größten und schnellsten des Planeten" wie Bechtolsheim augenzwinkernd erzählt. Das ist etwas übertrieben. Die Maschine ist aber immerhin in der Lage, 30 000 Videos in DVD-Qualität in einem Kasten von der Größe eines Nachtschrankes zu speichern. Statt Spielfilmen könnte er auch das Fernsehprogramm von mehreren Jahren speichern und für einen raschen Zugriff bereitstellen. Ein gigantischer Videorekorder also. Mit dem Unterschied, dass man nichts mehr aufzeichnen muss, alles jederzeit zur Verfügung steht.

Genutzt werden könnte der neue Rechner von Telefongesellschaften, die mit dem neuen Angebot "Video on demand" die schrumpfenden Erträge aus dem klassischen Telefongeschäft kompensieren könnten. Dominanter Anbieter auf diesem Gebiet ist derzeit Microsoft. Der Softwarekonzern investiert bereits seit Jahren kräftig in das sogenannte IPTV, bei dem Filme und Fernsehsendungen über das Internet und schnelle Datenleitungen zum Verbraucher kommen. Denn so wird das Fernsehen von morgen aussehen. Unternehmen wie Cisco, Nortel Networks, Motorola und Sun interessieren sich brennend für das Geschäft. Denn sie wollen den Telefongesellschaften die dafür erforderliche Ausrüstung verkaufen.

Fünf Jahre lang haben Bechtolsheim und ein Team von rund 40 Ingenieuren an der neuen Wundermaschine getüftelt. Erdacht wurde sie ursprünglich in Bechtolsheims Jungunternehmen Kealia, das Sun im Februar 2004 erwarb. Die Herausforderung war, erläutert Bechtolsheim, einen Rechner zu konstruieren, der nicht nur eine große Anzahl von Videos speichert, sondern die populärsten Produktionen auch in Bruchteilen von Sekunden bereitstellt und der gleichzeitig so kostengünstig ist, dass sich die Anschaffung in wenigen Monate amortisiert. In der Vergangenheit scheiterten viele Videodienste daran, dass die Ausrüstung zu teuer war. Genutzt wurde sie nur in Spitzenzeiten, meist abends zwischen 18 bis 23 Uhr. Die restliche Zeit lief sie praktisch im Leerlauf.

Im Grunde genommen haben Bechtolsheim und sein Team einen gigantischen Speicherbaustein entwickelt, der in der Lage ist, per Software mehrere Zehntausend Leute gleichzeitig mit Filmen zu versorgen. Allein der Arbeitsspeicher hat eine Größe von 2000 Gigabyte. "Wir haben das nur hinbekommen, weil Speicher so billig geworden ist", sagt Bechtolsheim. Er hält den Videorekorder im Netz für praktischer als das Herunterladen von Spielfilmen auf den Heim-PC. "Bei Musikstücken, die man immer wieder hört, macht es Sinn. Doch bei Filmen, die man maximal zweimal schaut, dauert der Ladevorgang zu lange."

Damit die schöne neue Fernsehwelt Realität wird, muss allerdings noch eine Menge geschehen. Zum einen müssen die Telefongesellschaften in ihre Infrastruktur, vor allem in die sogenannte letzte Meile zum Kunden, investieren. Das rechnet sich derzeit nur in Großstädten. Zudem ist eine leistungsfähige Filtersoftware notwendig, mit der sich der Nutzer durch das Riesensortiment an Filmen kämpfen kann.

Die größte Herausforderung ist jedoch das Geschäftsmodell. Denn Medienunternehmen stehen dem Fernsehen von morgen, bei dem sich jeder sein Programm individuell zusammenstellt, aus verständlichen Gründen derzeit noch argwöhnisch gegenüber. Dieses neue Konzept würde den Markt für Fernsehwerbung stark zersplittern. Man könnte ersatzweise zwar Fernsehspots auf Zuschauergruppen zuschneiden. Doch ob sich das rechnet, ist zweifelhaft. Es gibt also noch großen Gestaltungsbedarf - ideal für innovative Unternehmer. Die brauchen allerdings starke Nerven: Michael Westphal, der Gründer des deutschen IPTV-Senders TV1.de, wird täglich von Anwälten bearbeitet, sein Projekt fallen zu lassen. Westphal plant einen digitalen Videorekorder, der alles aufzeichnet, was im Laufe eines Tages gesendet wird. Doch bislang hat er wegen der damit verbundenen juristischen Fragen noch keinen Finanzier gefunden.

Kommentare zu " Fernsehen der Zukunft: Filme im Nachtschrank"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%