Gemeinsame Download-Plattform
Musikbranche übt Schulterschluss im Internet

Musikalisch gesehen soll es ein heißer Herbst werden: Dann will die deutsche Musikindustrie in Zusammenarbeit mit der Telekom- Tochter T-Com ihre Internet-Plattform zum legalen Musikvertrieb starten. Damit stünde den beliebten illegalen Tauschbörsen im Internet erstmals eine umfassende legale Alternative gegenüber.

HB KÖLN. Größtes Problem der Branche war es, jeglichen Anschein eines Preis- oder Anbieterkartells gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dies soll die gewählte Konstruktion als Business-to-Business-Plattform gewährleisten. Die Unternehmen stellen ihre Musik auf die Phonoline genannte Plattform, die diese wiederum an jeden verkauft, der einen Musikhandel im Internet aufmachen will. Diese Händler wiederum bestimmen dann – wie im klassischen Handel – auch den Endverbraucherpreis.

Phonoline hat zudem keinen Einfluss auf die Einkaufspreise der Musikstücke, die weiter von den einzelnen Musikunternehmen ausgehandelt werden. Hinter den Kulissen heißt es, dass diese Lösung bereits in engem Schulterschluss mit den Kartellbehörden entwickelt wurde, die allerdings in einem offiziellen Verfahren dem Projekt jetzt noch zustimmen müssen.

Die Musikstücke kann der Kunde nach Belieben auf CD brennen oder in MP3-Files umwandeln, erklärte Achim Berg, Bereichsvorstand des Technikproviders T-Com. Allerdings ist jedes Musikstück mit einem digitalen Wasserzeichen versehen, das die Identifikation des Käufers ermöglicht, falls die Datei in einer Tauschbörse auftaucht.

Die mächtige Telekom-Tochter – die Telekom kontrolliert rund 96 % der DSL-Anschlüsse in Deutschland – wird die technische Infrastruktur übernehmen und ihr Bezahlungssystem T-Pay anbieten. Trotzdem, betonte Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände bei der Präsentation auf der Popkomm in Köln, sei der Großhandel im Web offen für alle Zahlungssysteme sowie alle Digitalen Rechtemanagemt-Systeme. So könnte also theoretisch auch T-Online- Erzfeind AOL einen Shop mit seinem eigenen Zahlungssystem eröffnen.

Der branchenweite Schulterschluss im Web, der mit einer Verschärfung des Kampfes gegen die Piraterie einhergehen wird, kommt vor dem Hintergrund eines kollabierenden Musikmarktes. „Der Musikabsatz in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2003 um 16,3 % eingebrochen“, räumte Musikfunktionär Gebhardt ein. Besonders drastisch ging mit rund 47 % der Absatz an „Hit- Compilations“ – Alben mit einer Mischung beliebter Titel – zurück. So etwas machen sich Musikfans heute schon selber, kostenlos mit Material aus Tauschbörsen. Bald sollen sie es über Phonoline-Shops machen. „Alle Marktführer der Bereiche Handel, TV- und Web-Portale haben Interesse an Shops angemeldet“, erklärte Universal-Deutschland-Chef Tim Renner.

Zunächst werden nur Kunden mit Zahladresse in Deutschland bei Phonoline-Shops kaufen dürfen. Das liegt an der traditionellen Aufteilung der Musikverwertungsrechte in Regionalmärkte. Hier sahen am Rande der Popkomm Brancheninsider ein potenzielles Problem. „Wenn die das nicht wirksam kontrollieren können, werden die Musikunternehmen der betroffenen (Hochpreis-)Länder bei den Weltzentralen der Majors revoltieren“, meint ein Produzent. „Dann kann da ganz schnell Schluss sein.“

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
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