Grenzen und Gefahren
Debatte um Amoklauf-Berichterstattung im Web

Der Amoklauf von Winnenden hat eine Debatte über die Bedeutung des World Wide Web und die Arbeitsweise der Medien ausgelöst. Der Deutsche Journalisten-Verband etwa kritisiert die „Selbstinszenierung von Berichterstattern“. Doch das Internet bietet auch vielen Trauernden ein Forum.

dpa WINNENDEN. Das Internet hat beim erschütternden Amoklauf von Tim K. eine entscheidende Rolle gespielt, angeblich soll selbst der Tod des 17-jährigen Täters auf einem Video im Netz zu sehen sein. Es war das erste größere Ereignis in Deutschland, bei dem besonders über den noch recht jungen Microblogging-Dienst „Twitter“ ständig die neuesten Entwicklungen in SMS-Form kommuniziert wurden. Auch für Journalisten wird dies bei solchen Ereignissen zunehmend zu einer weiteren Informationsquelle. Die Bluttat vom Mittwoch hat aber auch erneut Debatten über die Bedeutung des World Wide Web und die Arbeitsweise der Medien ausgelöst.

Es wird nun viel über Grenzen, Möglichkeiten und Gefahren von Twitter (Englisch für „Zwitschern“) debattiert, wo sich Bürger und Augenzeugen, aber auch Journalisten während des Amoklaufs im Sekundentakt in kurzen Einträgen äußerten. Eine Verlagsangestellte in Winnenden hatte am Mittwochmorgen bei Twitter unter ihrem Pseudonym „tontaube“ geschrieben: „Achtung: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!“.

Die Frau saß an ihrem Arbeitsplatz und erfuhr über eine Kollegin von der Tat. Nach diesem Eintrag erhielt sie etliche Anfragen von Journalisten und sah sich schließlich veranlasst zu twittern: „Liebe Presse. Ich weiß doch auch nichts von dem Verrückten.“

Aber auch Journalisten und Online-Medien nutzten Twitter für Berichte über den Amoklauf. Der Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier protestierte auf seiner Website gegen die Berichterstattung von „Focus Online“ via Twitter, bei der Reporter unter anderem über ihren Weg nach Winnenden und Wendlingen „getwittert“ hatten. „Es ist in jeder Hinsicht unangemessen. Es geht um Pietät, Prioritäten und Perspektive“, so Niggemeier. „Ich finde es falsch, angesichts des Unglücks so vieler Menschen über die eigene Anreise zu schreiben.“

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte am Donnerstag in Berlin ebenfalls die „Selbstinszenierung von Berichterstattern“, die es bei Twitter gegeben habe. „Das verträgt sich nicht mit der Unabhängigkeit von Medien“, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. „Eine Berichterstattung, die den Journalisten in den Vordergrund rückt und gezielt die Sensationslust eines Teils der Nutzer bedient, ist pietätlos gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen.“

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