HDTV
Bildschirm Schwindel

Größer, schärfer, flacher: Das hochauflösende Fernsehen stand im Mittelpunkt der Funkausstellung in Berlin. Dabei strahlt bislang kaum ein Sender Programme im HDTV-Format aus – und das wird noch eine ganze Weile so bleiben. Über die Tücken eines Trends.
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Oliver Kahns zorniges Gesicht in Überlebensgröße; Johnny Depp als Piratenkapitän Jack Sparrow drei Meter vor dem Sofa fast in Lebensgröße. Ob Fußball-Krimi oder Hollywood-Knüller „Fluch der Karibik“ – die neuen hochauflösenden Flachfernseher tragen große Gefühle, Shows und Sport-Events detailgetreu wie nie zuvor in deutsche Wohnstuben. Bilder höchster Brillanz, Schluss mit flauen Farben und verwaschenen Konturen, versprachen die Aussteller dieses Jahr wieder auf der Internationalen Funkausstellung (IFA).

Kein Thema dominiert die Branche derzeit so wie High Definition Television (HDTV), die High-End-Bilder für das Pantoffelkino. Egal, ob bei Samsung oder Philips, Loewe oder LG, Panasonic oder Metz.

Knapp 4,7 Milliarden Euro wird die Industrie 2007 in Deutschland mit TV-Geräten umsetzen. Davon steuern LCD-Bildschirme rund 3,5 Milliarden Euro bei. Der Rest entfällt auf die selteneren Plasmabildschirme sowie die rapide schrumpfende Zahl von Röhrenfernsehern. Zu zwingend erscheint die optische Überlegenheit der neuen Fernsehtechnologie. Immerhin lassen die TV-Flachmänner mit bis zu 2,1 Millionen Bildpunkten (Pixel) Auflösung das bekannte PAL-Bild der Röhrenmonitore mit seinen 440 000 Pixeln weit hinter sich.

Zumindest theoretisch. In Wirklichkeit nämlich basiert der Hype um die HDTV-Superbilder auf einem Schwindel. Denn bis heute kann hierzulande fast niemand hochauflösende Fernsehbilder sehen, sind High-Tech-Aufnahmen extreme Mangelware. Grund: Kaum ein Sender überträgt seine Programme schon in HD-Qualität. Abgesehen von einigen Programm-Highlights wie Kinohits oder TV-Shows, die die Privatsender Pro-Sieben und Sat1 in HD-Qualität ausstrahlen, zwei HD-Kanälen des Pay-TV-Senders Premiere sowie den Satelliten-Spartensendern AnixeHD und Euro 1080, übertragen Deutschlands Sender ihre Bilder ausschließlich im alten PAL-Format.

Die Folge: Gerade einmal 80 000 Abonnenten zählt Premiere für seine verschlüsselten HD-Kanäle. Dazu kommen weitere 70 000 bis 100 000 Zuschauer mit HD-Empfängern, mit denen sich zumindest die Signale der frei empfangbaren Sender auf Flachfernsehern darstellen lassen. Damit gleicht die deutsche HD-Gemeinde, gemessen an knapp 35 Millionen TV-Haushalten mit rund 50 Millionen Fernsehgeräten, einer winzigen Elite. Das wird sich auch nicht so schnell ändern: Erst zu den Winterspielen 2010, soll es in Deutschland mit HDTV im großen Stil losgehen.

Der Mangel wird vielen Käufern der flachen Riesen erst bewusst, wenn sie das Gerät daheim einschalten – und nur Fernsehbilder im alten PAL-Format über die LCD- oder Plasmadisplays flimmern. Dann ist oft Schluss mit der Faszination der eleganten TV-Designerstücke und der tollen, hochauflösenden Bilder von den Demo-DVDs, die speziell für die Präsentation der Geräte im Einzelhandel produziert wurden.

„Um die neuen Großbildschirme mit den niedrigauflösenden TV-Bildern zu füllen, muss das PAL-Fernsehsignal auf das Zwei- bis Fünffache aufgeblasen werden“, rechnet Jürgen Buchs vor, Bereichsleiter Programmabwicklung beim Münchner TV-Produzenten Plazamedia, der für Premiere unter anderem die HD-Übertragungen der Bundesligaspiele abwickelt. „Kein Wunder, wenn die hochgerechneten Aufnahmen auf vielen Flachbildschirmen ein schlechteres Bild liefern als auf manch gutem Röhrenfernseher.“

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