Im Internet gehen Deutschlands Singles auf Partnersuche
„Wie im richtigen Leben“

Die Suche nach Liebe treibt Deutschlands Singles um. Allerdings nicht in Bars, Kneipen und Diskotheken, sondern im Internet. Via E-Mail tauschen Verliebte Botschaften, in zahllosen Chatrooms wird geflirtet was das Zeug hält. Das Internet öffnet glücklosen Singles neue Dimensionen der Partnersuche, hinter jedem Nickname kann sich der Partner fürs Leben verbergen.

HB DÜSSELDORF. "Das ist eine ganz neue Art intimer Kommunikation“, beschreibt der Düsseldorfer Kommunikationswissenschaftler Jo Groebel dieses Phänomen. „Und es schreit geradezu danach, kommerziell ausgenutzt zu werden.“ Das wissen auch gewiefte Geschäftsleute, und so sprießen derzeit Online-Flirtportale und -Partnervermittlungen im deutschen Netz wie die Pilze aus dem Boden. Von Neu.de über Parship, von Friendscout 24 bis Liebe.de, im Internet können Einsame problemlos ihr Glück versuchen. „Es gibt 16 Millionen Singles in Deutschland, das ist ein riesiger Markt“, frohlockt Arne Kahlke. Er ist Marketingleiter bei Parship. Seit gut zweieinhalb Jahren widmet sich das Unternehmen dem Motto „Glückliche und Unglückliche noch glücklicher zu machen“. Schwarze Zahlen schreibt Parship, eine Tochter der Holtzbrinck Gruppe, seit Anfang 2003. Momentan suchen rund 445 000 Alleinstehende ihr Glück über die Agentur, meistens haben sie ihr Ziel – eine feste Bindung, vielleicht sogar die Ehe – klar vor Augen. „Parship ist ausschließlich für Menschen, die ernste Absichten verfolgen“, sagt Kahlke. Gegen ein kurzes Abenteuer spricht allein schon der Preis: 149 Euro kostet das Abo zur Zweisamkeit für sechs Monate.

Die multimediale Suche nach der Liebe hat Hochkonjunktur. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Emnid haben bereits acht Prozent der Deutschen ihren derzeitigen Partner über Chatroom und E-mail-Kontakt kennengerlernt, 41 Prozent ziehen eine Partnersuche über das Internet in Betracht. Woran das liegt, beschreibt Kommunikationswissenschaftler Groebel so: „Das Internet ist der ideale Ersatz für die Liebe auf den ersten Blick, denn die Singles von heute machen sich weniger Illusionen über Partnerschaften.“ Das romantische Bild von Zweisamkeit und Gefühl ist überholt – Rationalität und Ökonomie halten Einzug in Deutschlands Beziehungskisten. Dazu passt, was Parship treibt. Ein psychologischer Test ermittelt über 24 Merkmale die Persönlichkeit des Suchenden, promt spuckt der Computer Chiffrenummern potentieller Kandidaten aus. Wer passt zu mir? „Hier wird die Beziehung zum Tauschgeschäft“, sagt der Wissenschaftler. „Die Liebe soll sich über das Zusammenpassen entwickeln, nicht über die Verliebtheit.“ Ein Bild aus grauer Vorzeit, als die Frau noch den Versorger suchte, der Mann Hausfrau und Mutter seiner Kinder.

„Heiratsmarkt“, urteilt Andreas von Maltzan von Neu.de. Finanziert wird das Portal von dem Außenwerbungs-Unternehmen Ströer AG. Die Partnerbörse konzentriert sich, anders als Parship, auf „Flirting“ und „Dating“ – weniger ernsthaft, „trotzdem seriös“. Darauf legt der Geschäftsführer wert. Fotos von Singles aus dem ganzen Land schmücken die Bildergalerie, so, wie die Plakate des Unternehmens Deutschlands Bushaltestellen und Fußgängerzonen pflastern. Seit knapp einem Jahr gibt es das Portal, spätestens ab 2004 will Neu.de raus sein aus den Miesen. Glaubt man dem Geschäftsführer, wird das funktionieren: „Wir sind die schnellst wachsende Partnerbörse im deutschsprachigen Raum“, so Maltzan. Er führt das auf die massiven Werbekampagnen der vergangenen Monate zurück. Mittlerweile kommen jeden Tag bis zu 3000 weitere Singles auf Neu.de und bescheren dem Portal rund 110 Millionen Page Impressions, zu deutsch Seitenaufrufe, im Monat.

„Brautschau“ in der Mittagspause

Der Grund für den Erfolg heißt Unverbindlichkeit. Nutzer werden nicht gleich zur Kasse gebeten, oft wird auf Neu.de lediglich geflirtet. Nur Männer zahlen bei Kontaktaufnahme – „wie im richtigen Leben“, sagt Maltzan. Ähnlich funktioniert die Konkurrenz, Friendscout 24. Hier löhnt, wer spezielle Serviceangebote in Anspruch nehmen möchte. Wie Maltzan sieht der Geschäftsführer von Friendscout 24, Jan Becker, sieht sein Unternehmen ganz weit vorn: „Als Marktführer profitieren wir von dem Boom der Branche überproportional“, sagt er. 1,4 Millionen sind bei der größten Partnerbörse im deutschen Netz registriert, auch hier schnellt der Umsatz rekordverdächtig in die Höhe, sagt jedenfalls der Geschäftsführer. Genaue Angaben macht Becker nicht. Generell sind den Unternehmensleitern konkrete Zahlen zur Performance nicht zu entlocken – über Umsatz und Gewinn schweigen sich die Geschäftsführer aus.

Allerdings teilen alle professionellen Partnervermittler die Begeisterung für die Internet-Branche. „Online-Dating ist trendy geworden“, so Jan Becker. Wie so viele kommt dieser Trend aus den Vereinigten Staaten. Rund 30 Millionen Surfer besuchen in den USA monatlich die sogenannten Personal Sites – immerhin 20 Prozent der erwachsenen Alleinstehenden. Und diese Singles zahlen auch, beim Marktführer Match.com sind es etwa 25 Dollar pro Monat, wie die „Wirtschaftswoche“ berichtet. Allein im dritten Quartal 2002 verzeichnete der Anbieter einen Umsatz von 33,4 Millionen Dollar und gilt in Analystenkreisen als hochprofitabel. Davon sind Deutschlands Partnerbörsen weit entfernt, als Zukunftsvision schwebt das Vorbild Amerika jedoch längst in den Köpfen der Manager. So spricht Parship-Marketingleiter Arne Kahlke davon, seine Online-Agentur in ganz Europa zu etablieren. In Österreich und in der Schweiz ist dies bereits gelungen. Neu.de nimmt hingegen nur den deutschen Markt ins Visier. „Im Dating-Bereich wollen wir hier bis Mitte 2004 die Marktführerschaft übernehmen“, sagt Andreas von Maltzan. Massive Außenwerbung soll - wie in den vergangenen Monaten - nachhelfen. Dem Unternehmen steht hierfür ein Marketing-Budget von zehn Millionen Euro zur Verfügung. An Kunden scheint es den Partnerbörsen nicht zu mangeln. „Die Beziehungen halten im Durchschnitte nicht mehr so lang wie früher“, sagt Maltzan. „Da sind wir gefragt.“

Wer sich von den vielen Anbietern in den nächsten Monaten letztendlich durchsetzen kann, ist ungewiss. Die Partnersuche ist jedenfalls dank Friendscout24, Neu.de und Co keine mühselige Angelegenheit mehr, sie läuft nebenher. Während der Mittagspause und nach dem Abendbrot können Singles auf „Brautschau“ gehen. Wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) jüngst festgestellt hat, ist das Internet der beliebteste Ort zum Anbändeln hinter Privatpartys und dem Arbeitsplatz. Schließlich ist flirten online nicht nur unkompliziert, es spart Zeit – und auf lange Sicht Geld. Wer bei seinem Traumpartner landen möchte, spendiert längst nicht mehr kostspielige Drinks. Allerdings müssen Surfer auch verzichten: auf Romantik.

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