Internet-Bildarchiv
Einblicke in Deutschlands Kolonien

Erhobenen Hauptes blickt Sultan Musinga von Ruanda in die Kamera. Ein üppiger Federschmuck ziert seinen Kopf. Um die Hüften hat der König einen Bastrock geschlungen - ansonsten ist er nackt.

dpa FRANKFURT. Seine Brust schmückt eine ausladende Halskette und in der Hand hält er wie selbstverständlich eine Lanze: Insignien seiner Macht. Musingas Regentschaft ist lange vergangen. Sein Porträt jedoch - aufgenommen zwischen 1907 und 1914 - bleibt erhalten. Es ist Teil von Deutschlands größter digitaler Fotosammlung aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika und dem pazifischen Raum.

Das frei zugängliche Internet-Archiv der Universitätsbibliothek Frankfurt umfasse rund 45 000 Bilder vor allem aus der deutschen Kolonialzeit (1 884-1918), sagt Bibliothekarin Irmtraud Wolcke-Renk. Unter anderem geben die Bilder Einblick in das Leben der Weißen in den deutschen Kolonien Kamerun, Togo, Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda und Burundi).

Die Originale - Papierabzüge, Dias oder Glas- und Filmnegative - stammen aus dem Nachlass der Deutschen Kolonialgesellschaft. Deren Erbe war nach 1945 in den Besitz der Universitätsbibliothek übergegangen.

Für die Nachwelt hielten die Fotografen von damals fast alles fest, was ihnen vor die Linse kam: So wurde der Hofstaat eines Sultans in Kamerun ebenso abgelichtet wie bizarre Felsformationen in Namibia, ein weißer Jäger mit erlegtem Nashorn oder Lepra-Kranke in einer Missionsstation.

Doch sei das ursprüngliche Interesse an den Bildern keine reine Sammelwut gewesen, sagt Wolcke-Renk. „Da gab es einen praktischen Nutzen.“ Die Reisenden - oft im Auftrag der Deutschen Kolonialgesellschaft unterwegs - suchten nach Bildmaterial für Vorträge. Damit wollten sie in der deutschen Bevölkerung um Unterstützung für die Kolonien werben. Die Fotos sind Dokumente ihrer Zeit und spiegeln die damalige Sicht der Dinge wider.

Wegen nicht fachgerechter Lagerung waren einige Abzüge und Negative in schlechtem Zustand. Um den Bestand langfristig vor dem Verfall zu schützen, wurden die Bilder in den vergangenen Jahren abfotografiert und auf etwa 500 Foto-CDs digitalisiert. Nach und nach wurden sie ins Internet gestellt.

Für die Wissenschaft sei das Archiv eine wichtige Quelle, sagt Dieter Schott, Historiker an der Technischen Universität Darmstadt. „Allerdings muss man die Bilder zum Sprechen bringen und ihren Kontext herausarbeiten.“ Aus heutiger Sicht sei es „hochspannend“, etwa die Lebensgewohnheiten der Weißen in den Kolonien zu studieren, erklärt Wolcke-Renk. Frauen hätten selbst im heißen Afrika die gleichen Kleider getragen wie in Deutschland. Auch die Wohnungen der weißen Kolonialbeamten seien ähnlich eingerichtet worden wie zu Hause. „Da war alles wie in Deutschland - nur etwas heißer.“

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