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Der „echte Craig“ - Mit craigslist.org zum Kleinanzeigen-Millionär

Der Kalifornier Craig Newmark ist ein selbst ernannter „Computer-Nerd“, ein komischer Kauz, der sich am liebsten hinter seinem Computer versteckt. Das glaubt man dem 54-Jährigen aufs Wort. Er ist einsilbig und meidet den Augenkontakt.

dpa SAN FRANCISCO. Der Kalifornier Craig Newmark ist ein selbst ernannter „Computer-Nerd“, ein komischer Kauz, der sich am liebsten hinter seinem Computer versteckt. Das glaubt man dem 54-Jährigen aufs Wort. Er ist einsilbig und meidet den Augenkontakt.

Dass die US- Zeitschrift „Time“ ihn zu den „100 einflussreichsten Menschen der Welt“ zählt, wird man von ihm kaum erfahren. Newmark ist der Erfinder und Betreiber von Craig's List, einer Webpage, mit der Leute ihr gesamtes Leben organisieren. Bei www.craigslist.org gibt es alles: Zimmer, Mitbewohner, Jobs, alte Kleiderschränke, Katzen, Hundesitter, Wanderpartner, Liebhaber.

Mehr als zehn Millionen Menschen suchen jeden Monat ebenso viele Kleinanzeigen durch. Was 1995 mit einer Anzeigenrubrik für den Großraum San Francisco begann, umspannt jetzt 52 Länder - von Argentinien über Deutschland bis Vietnam. Vier Mrd. Mal wird die Seite pro Monat angeklickt. Sie rangiert an siebter Stelle auf der Hitliste der weltweit populärsten Webseiten, gleich nach den Internetseiten von Rupert Murdochs Medien-Imperium News Corp. Dort arbeiten 38 000 Angestellte, Newmark hat eine Truppe von 22 Leuten.

„Es sieht aus wie in einer Bruchbude“, meint Newmark, eher stolz als entschuldigend, bei einer Tour durch sein „Hauptquartier“ in einem Studentenviertel von San Francisco. Die Wohnzimmer eines viktorianischen Hauses dienen als Büros. Die Farbe blättert ab, die alte Holztreppe knarrt. Newmark teilt sein Büro mit dem zweiten Mann bei Craig's List, Geschäftsführer Jim Buckmaster. zehn bis 20 Mill. Dollar sollen die Betreiber im letzten Jahr verdient haben, schätzen Marktbeobachter, doch Newmark schweigt dazu. Lukrative Kaufangebote, die aus ihnen über Nacht Multimillionäre machen würden, haben sie abgelehnt.

Fast alles auf Craigs's List gibt es zum Nulltarif. Nur wer in San Francisco, Los Angeles und New York Jobs inseriert, muss dafür eine Gebühr zahlen. Zudem werden Wohnungsmakler in New York zur Kasse gebeten. Newmark ist ein Idealist, der seinen Mitmenschen das Leben ein wenig leichter machen möchte. „Ich bekomme viele Dankesbriefe, von Leuten die eine Wohnung oder Freunde gefunden haben“, freut sich Newmark. Den Vorwurf, das Anzeigengeschäft vieler Zeitungen durch seinen kostenlosen Service ruiniert zu haben, tut er mit einem Schulterzucken ab.

Auf den ersten Blick ist die Webseite so farblos wie ihr Erfinder. Einfach nur Rubriken in blauer Schrift auf weißem Grund. „Doch da steckt eine Menge witziges und verrücktes Zeug drin“, meint Geschäftsführer Buckmaster. „Eine nackte Bibelgruppe sucht neue Mitglieder. Jemand will einen toten Waschbären gegen eine Sopranos- DVD tauschen. Besitzer diabetischer Katzen erteilen Ratschläge. Man kann alles finden und alles anbieten“, sagt Buckmaster mit einem Grinsen. So sucht eine New Yorkerin unter der Überschrift „Billiges Zimmer für extreme Katzenliebhaberin“ eine Mitbewohnerin, die 17 Katzen und entsprechend viel Dreck toleriert.

2005 wurde Berlin als erste deutsche Stadt bei Craigs's List aufgenommen. Nach Frankfurt, München und Köln kam im Juni noch Hamburg dazu. Wenn Nutzer neue Städte vorschlagen, werden sie auf die Liste gesetzt, vorausgesetzt die Anzeigen sind in Englisch geschrieben. Langfristig sind auch andere Sprachen geplant, aber die Überwachung sei aufwendig und schwierig, meint Buckmaster.

Geradezu besessen checkt Newmark seine E-Mails und die Anzeigen. Als „Kundenbetreuer“ greift er vermittelnd in hitzige Diskussionen auf der Forum-Seite ein und entfernt anstößige Angebote. Mit seinem kleinen Team vertraut er dem „selbstreinigenden“ Mechanismus der Homepage. Beschweren sich eine Reihe Nutzer über eine Anzeige, dann wird sie automatisch gelöscht.

Für den eigenen Zweck macht Newmark von der Internetbörse nur selten Gebrauch. Ein paar Elektrogeräte habe er sich dort besorgt und sein zehn Jahre altes Auto verkauft, meint der Eigenbrötler. Es liegt ihm fern, damit zu prahlen, dass die Webpage seinen Namen trägt. Das war nicht seine Idee, sondern ein Vorschlag von Freunden. „Die meisten Nutzer wissen gar nicht, dass es einen echten Craig gibt“, meint Newmark. „Und das ist mir so Recht.“

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