Internet läuft voll
Tsunami im Netz

40 Jahre nach seiner Erfindung steht das Internet vor seiner größten Belastungsprobe. Telefonate und Videos, TV-Übertragungen und Software-Downloads belasten das Kommunikationsnetz, dazu macht der steigende Energiebedarf den Betreibern zu schaffen – der Erfolg rächt sich. Die Anbieter haben aber konkrete Pläne zur Rettung des World Wide Web.
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Uwe Nickl gehört zu den Managern, die fast jeden Winkel im Internet kennen. Täglich taucht der Zentral- und Osteuropa-Chef des US-amerikanischen Glasfasernetzbetreibers Level 3 tief ins Web ein, inspiziert Internet-Knoten, Vermittlungsrechner und Leitungen. Was er sieht, gefällt ihm: Mit Lichtgeschwindigkeit schießen die Bits und Bytes durch das 120 000 Kilometer lange Level-3-Netz, das die größten Städte der USA und Europas verbindet.

Dennoch macht sich Nickl Sorgen. Denn die Datenmengen, die über das Netz geschickt werden, wachsen in atemberaubendem Maße. Der Grund: Das einst als Transportweg dröger Datenpakete konzipierte Internet wandelt sich rasant zur Multimedia-Rennbahn. Breitband-Angebote wie Live-Fernsehen oder die Video-Streams von YouTube oder Joost laufen klassischen Internet-Diensten wie E-Mail zunehmend den Rang ab.

Schon drohen erste Staus auf der Datenautobahn. „Der Datenverkehr verdoppelt sich jedes Jahr“, melden die Verkehrsstatistiken. Wenn die Netzbetreiber nicht bald in zusätzliche Kapazitäten investieren, prophezeit der US-Marktforscher Nemertes, gibt es ab 2010 die ersten Engpässe.

Das Internet droht Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden. Vorbei sind die Zeiten, als sich ein paar PC-Freaks mal kurz ins Internet einwählten, um E-Mails zu versenden oder im World Wide Web zu surfen. Nur wenige Bits schickten sie dabei auf die Leitung. Die neue Generation der Internet-Nutzer ist den ganzen Tag online, lädt über die schnellen und billigen DSL- oder Kabelanschlüsse Musik, Spiele, Videos und Fernsehen – und verbraucht am Tag so viele Megabits wie früher im ganzen Jahr.

Das ist nur der Anfang: Die Datenflut wird zum Tsunami, weil das Web in den nächsten Jahren die Schwellen- und Entwicklungsländer erobert. Statt der heute eine Milliarde sind dann fünf Milliarden Menschen online – und es droht der große Datenstau.

Die europäischen Netzlieferanten Alcatel-Lucent, Nokia Siemens Networks und Ericsson, die gemeinsam nach schnelleren Übertragungstechniken suchen, schlagen Alarm: Bis zum Jahr 2015 wächst das Internet um den Faktor 100. „Die heute benötigte Netzkapazität beträgt nur ein Prozent der Kapazität, die wir im Jahr 2015 brauchen“, heißt in einem internen Positionspapier. Experten wie der amerikanische Internet-Pionier Lawrence Roberts befürchten schon, dass der Ansturm zum Kollaps führen könnte. „Wenn die Vermittlungsrechner an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, werden die übertragenen Datenpakete beschädigt“, warnt Roberts, der heute Vorstand beim kalifornischen Routing-Spezialisten Anagran ist.

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