Internet-Lexikon: US-Abgeordnete polieren Lebensläufe bei Wikipedia auf

Internet-Lexikon
US-Abgeordnete polieren Lebensläufe bei Wikipedia auf

Geschliffene Reden, strahlende Fernseh-Auftritte und jede Menge Werbung in eigener Sache gehören zum Standard-Repertoire erfolgreicher Politiker in Washington. Jetzt haben US-Parlamentarier einen neuen Volkssport entdeckt: Sie lassen ihre Lebensläufe schönen.

HB WASHINGTON. Mitarbeiter von Senatoren und Abgeordneten manipulieren immer öfter das Internet-Lexikon Wikipedia, das von Lesern nach Belieben verändert werden kann. So strich das Büro des demokratischen Senators Joseph Biden Hinweise, die den Oppositionspolitiker des Plagiats bezichtigten. Biden-Sprecher Norm Kurz verteidigte die Retusche als Maßnahme, die den Eintrag „fairer und genauer“ machten.

Die virtuelle Schönfärberei wurde zuerst von der Tageszeitung „Lowell Sun“ im Bundesstaat Massachusetts aufgedeckt. Rund 1 000 Einträge seien verändert worden, schrieb das Blatt. Daraufhin startete Wikipedia eine groß angelegte Offensive, in der 65 000 Internet-Adressen auf mögliche Manipulationen überprüft wurden. Dabei stieß man auch auf einige Computer in den Büros verschiedener Senatoren. Zeitweise wurde der Zugang einiger Rechner für die Ergänzung von Texten gesperrt. Die Blockade ist jedoch mittlerweile wieder aufgehoben.

Auch die demokratische Senatorin Dianne Feinstein zückte den Korrekturstift. Angaben über ihr Netto-Vermögen ließ sie ebenso ausradieren wie den Zusatz, dass sie eine Strafe über 190 000 Dollar zahlen musste: Feinstein hatte unterschlagen, dass ihr Ehemann im Gouverneurs-Wahlkampf 1990 Kredite garantiert hatte, was laut Gesetz nicht erlaubt ist. Auch ihr republikanischer Amtskollege Conrad Burns aus Montana wühlte kräftig in seiner Wikipedia-Biografie. So wurde ein Zitat, nach dem Burns Araber als „Lumpenköpfe“ bezeichnet hatte, kurzerhand in den digitalen Orkus geschickt. Stattdessen kam ein Paragraph unter der Überschrift „Stimme für den Farmer“ dazu, der Burns' Liebe für die Landwirtschaft propagierte.

Immer häufiger werden Parlamentarier Opfer von Verleumdungen aus der Giftküche ihrer politischen Gegner. So enthielt der Text über den republikanischen Abgeordneten Lee Terry aus Nebraska plötzlich den Einschub, „er mag es, seine Frau und seine Kinder zu schlagen“. Mitarbeiter des Politikers fanden schließlich heraus, dass der Übeltäter in Nebraskas Hauptstadt Omaha saß. Doch identifizieren konnten sie ihn nicht, da er sich hinter einer allgemeinen Internet-Adresse verschanzt hatte.

Einwände, dass das Online-Lexikon zu einem Tummelplatz für Helden- und Schurkensagen werde, bügelten die betroffenen Büros ab. „Wikipedia ist nicht sakrosankt: Einer wird immer kommen und irgend etwas verändern“, versuchte James Pendleton, Sprecher von Senator Burns, zu beschwichtigen. „Derlei Datenbanken sind einfach anfällig für Irrtümer“, sagte Howard Gantman aus dem Stab von Senatorin Feinstein. Andere führten ins Feld, dass sie Praktikanten mit der Überarbeitung von Lebensläufen beauftragt hätten. bac

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