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Internet-„Pyjamahadin“ als Fans und Kritiker von Bush und Kerry

Bei den Wahldebatten zwischen US-Präsident George W. Bush und seinem demokratischen Herausforderer John Kerry geht es mitunter auch einmal haarscharf an der Wahrheit vorbei. Manches Wort scheint flüchtig, aber zum Glück entgeht den „Pyjamahadin“ nichts.

dpa WASHINGTON. Bei den Wahldebatten zwischen US-Präsident George W. Bush und seinem demokratischen Herausforderer John Kerry geht es mitunter auch einmal haarscharf an der Wahrheit vorbei. Manches Wort scheint flüchtig, aber zum Glück entgeht den „Pyjamahadin“ nichts.

So nennen sich ganze Heerscharen von Amerikanern, die gleich nach dem Aufstehen an den Computer eilen, um der Welt ihre Sicht der Dinge mitzuteilen.

Bush habe die Lage im Irak beschönigt, als er von 100 000 ausgebildeten irakischen Sicherheitskräften gesprochen habe, heißt es etwa in dem auf die Überprüfung von Fakten ausgerichteten Weblog Factcheck.org. Und Kerry habe übertrieben, als er Bush Begünstigung bei der nächtlichen Flucht von Terrorchef Osama bin Laden aus der Festung Tora Bora in den afghanischen Bergen unterstellt habe.

Weblogs wie Factcheck haben im US-Wahlkampf Konjunktur. Parteilichkeit ist oft gewollt, wenn ein Autor bei Lyingmediabastards.com beispielsweise nach der ersten Fernsehdebatte befindet, dass Bush eher „latschig“, dafür Kerry aber „präsidial“ dahergekommen sei. Nicht immer sei die „Blogosphäre“, wie die Gesamtbewegung heißt, moralisch rein, schreibt einer der Aktivisten, Andrew Sullivan, im US-Nachrichtenmagazin „Time“.

Weblog ist ein Kunstwort aus dem Internet-Dienst Web und Logbuch und ist vergleichbar mit einem Online-Journal, einer Kolumne oder einem Newsletter. Die Autoren heißen Blogger. Rund 1,4 Mill. aktive Weblogs (Kurzform blogs) gebe es im Internet, schreibt das auf Medienkritik spezialisierte Zweimonatsjournal „extra!“. Manchmal seien das einfach nur Tagebücher von tratschenden Teenies oder gelangweilten Angestellten. Ein beträchtlicher und einflussreicher Anteil richte sich aber auf Nachrichten und Politik.

Regelrechten Kultstatus erreichte der Blogger Salam Pax (arabisch und lateinisch für Frieden). Der 29-jährige Architekt aus Bagdad berichtete im vergangenen Jahr als „unabhängige Quelle“ während des Krieges zum Sturz von Staatschef Saddam Hussein und zog damit erhebliches Medieninteresse auf sich. Schließlich erreichte die Diskussion sogar die US-Tageszeitung „New York Times“.

Ein Blogger sei ein Typ, der in seinem Pyjama im Wohnzimmer sitze, charakterisierte ein ehemaliger Direktor des US-Fernsehsenders Fox News spöttisch die Gemeinde. Aber die „Pyjamahadin“ wollen ernst genommen werden. Jüngstes Husarenstück: Die „Pyjamahadin“ hätten mit dem US-Fernsehsender CBS eine weitere Zitadelle des Durchschnitts- Journalismus erklommen, sagt Sullivan. CBS war einer Ente aufgesessen, und der Autor eines kritischen Beitrags über den Armeedienst von US-Präsident Bush musste sich entschuldigen. Den Stein ins Rollen brachte ein Blogger namens „Buckhead“.

Weil manche Weblogs inzwischen Internet-Surfer wie ein Magnet anziehen - Sullivan hat nach eigenen Angaben an manchen Tagen bis zu 100 000 Leser - sind Republikaner und Demokraten voller Begeisterung auf die neue Bewegung aufgesprungen. Eigene Blogger berichteten sogar von den Parteitagen, um so auch den Daheimgebliebenen und Sympathisanten ein Gefühl zu geben, mittendrin zu sein und auch ja auch nicht die kleinste Nebensächlichkeit zu verpassen.

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