Interview
„Interaktivität - ein schreckliches Wort“

Helmut Thoma, Ex-RTL-Chef, Ehrenprofessor und Medienberater zeichnet ein eigenwilliges Bild von der zukünftigen Entwicklung der Medienlandschaft im Zeitalter der Digitalisierung. Besonders mit den Zeitungsverlagen geht der Medienpionier im Interview mit Handelsblatt.com hart ins Gericht.

Handelsblatt:
Wie wird die Mediennutzung der Zukunft aussehen?

Thoma:
Zunächst einmal kann ich die euphorischen Voraussagen nicht verstehen. Dass plötzlich alle Menschen unterwegs an den kleine Bildschirmen ihres Handy kleben, glaube ich nicht. Man darf die Eigenart der Menschen nicht vergessen, die werden sich nicht so verhalten.

Viele bleiben Couch Potatoes, für die ist Interaktivität ein schreckliches Wort, weil da das Wort „aktiv“ drinsteckt. Wozu Aktivität? - die Leute wollen was vorgesetzt bekommen. Es geht ja auch kein Mensch in ein Restaurant, wo der Wirt sagt: „Kocht selber!“ Der Gast will ein fertiges Gericht. Die Interaktivität wird auf absehbare Zeit nicht über Abstimmungs- oder Bestellvorgänge hinausgehen, davon gehe ich aus.

Handelsblatt:
Sind denn die neu in den Mediensektor drängenden Anbieter aus dem IT-Bereich die neuen Konkurrenten für die klassischen Medienanbieter?

Thoma:
Techniker und Programmier stellen sich dort eine Zukunft vor und vergessen, das vor den Geräten Menschen sitzen. Was soll denn Gewaltiges passieren? Das Internet wird es eines Tages in seiner heutigen Form nicht mehr geben, sondern es wird eine weitere Quelle von Bewegtbildern sein. Aber diese Zukunft ist noch weit, also in diesem Fall vier, fünf Jahre entfernt. Aber auch mit Breitbandanschlüssen wird es noch nicht eine ausreichende Qualität geben. Deswegen wird das Kabel in nächster Zeit eine größere Bedeutung bekommen.

Handelsblatt:
Welche Bedeutung haben also Firmen aus dem IT-Bereich demnach?

Thoma:
Gar keine, außer sie kaufen sich Inhalteanbieter hinzu.

Handelsblatt:
Und welche Bedeutung wird das digitale Fernsehne erlangen?

Thoma:
Es gibt kein digitales Fernsehen. Wenn ein einen Joghurt mit eine Elektrokarren ins Geschäft bringt, ist es auch keine Elektrojoghurt. Die Inhalte bleiben doch, sie werden nur anders transportiert.

Handelsblatt:
Sehen Sie denn gar keine Auswirkungen auf die Art der Inhalte?

Thoma:
Nein, überhaupt nicht. Was ist denn Digitalisierung? Null und Eins. Die Kanäle müssen doch weiterhin mit Inhalten gefüllt werden und zwar unabhängig vom Übertragungsweg. Ich bin überzeugt, die Menschen nutzen die Inhalte wie bisher. Also im wesentlichen weiter nur einmal und das passiv. Es ist doch absurd zu glauben, während eines Fußballspiels bestellt sich jemand das Trikot seine Lieblingsstürmers - und wenn er das tut, dann fällt garantiert in der Zeit ein Tor, so dass er es in dann wieder sein lassen wird.

Handelsblatt:
Was bedeutet die Digitalisierung der Inhalte für die Zeitungsverlage - haben diese Medienhäuser überhaupt noch eine Zukunft?

Thoma:
Chancen gibt es immer, aber die Verlage müssen sich endlich einmal auf die Herausforderungen einstellen. Es sind relativ wenige auf die neuen Entwicklungen vorbereitet. Vor allem die regionalen Anbieter waren der Meinung, das ihre Regionalzeitungen uneinnehmbar Festungen sind. Jetzt stellen Sie auf einmal fest, dass das Internet und generelle Entwicklungen der Mediennutzung sie ganz schön treffen. In immer stärkeren Ausmaß. Der ganze Kleinanzeigenbereich aber auch die größeren Anzeigen könnten ins Internet abwandern.

Handelsblatt:
Welcher Verlag ist in dieser Hinsicht gut aufgestellt?

Thoma:
Das Voralberger Medienhaus ist ein gutes Beispiel, aber auch die WAZ. Sie profitiert von einem riesigen Verbreitungsgebiet und arbeitet sehr kostenbewusst.

Handelsblatt:
Wo liegen die Hauptfehler der anderen?

Thoma:
Es gibt ein strukturelles Problem. In den vergangen 50 Jahren ist es vielen zu gut gegangen. Besonders viele Familienunternehmen waren es gewohnt, aus dem Vollen zu schöpfen. Und plötzlich ist das Füllhorn fast leer. Es ist die Frage ob diese Anbieter mit dieser Herausforderung umgehen können, ich sehe in Deutschland derzeit niemanden. Ein weiteres Problem liegt in der geringen Nutzung von Zeitungen in der jüngeren Bevölkerung. Junge Leute wollen eher Bewegtbilder betrachten, dieser Entwicklung kann sich niemand entziehen.

Handelsblatt:
Welche Entwicklungen im Onlinebereich ist für sie besonders spannend?

Thoma:
Wenn das elektronische Papier Realität wird, glaube ich schon, dass davon eine neue Entwicklung ausgehen kann. Das könnte sozusagen zu eine Universalzeitung führen. Auf einem tragbaren Medium kann ich mir dann jede Zeitung der Welt über das Internet besorgen. Ob das die gedruckten Zeitungen überlegen, das ist eine ganz andere Frage. Aber auch diese Entwicklung wird noch einige Jahre dauern.

Handelsblatt:
Wenn Sie sich heute entscheiden müssten, in welchen Bereich würden Sie investieren?

Thoma:
In die Kabelbranche.

Handelsblatt:Warum?

Thoma:
Das Kabel ist eine phantastische Angelegenheit. Denn in Wahrheit ist eine Kabelgesellschaft eine Art Versorgungsunternehmen, diese können ihre Einnahmen sehr gut planen. Sie wissen heute schon, was sie in einem Jahr einnehmen.

Ich glaube, dass das Potential des Kabel noch nicht ausgeschöpft ist. Wie ein klassischer Versorger kann ein Kabelbetreiber alles anbieten. Im übertragenen Sinne vom einfachen Wasser - also die freien TV-Programme, die es jetzt schon gibt, bis hin zum Champagner, also teuere Premiumprogramme.

Herr Professor Thoma, vielen Dank für das Gespräch

Die Fragen stellten Kathrin Quandt und Julius Endert

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