Interview mit Kinowelt-Geschäftsführer Michael Kölmel
Warum Pay-TV auch in Deutschland Zukunft hat

Michael Kölmel, Geschäftsführer Kinowelt, ist wahrhaftig ein alter Hase des Filmgeschäfts. Derzeit auf Bewährung hat er sich bereits wieder ehrgeizige Ziele gesteckt. Handelsblatt.com-Mitarbeiterin Sonja Kolonko sprach mit dem 50-jährigen Medienmanager über die Zukunft des deutschen Filmmarkts.

Handelsblatt.com: Herr Kölmel, neue Auswertungsformen wie VoD, Pay-TV, DVD revolutionieren derzeit den Entertainmentmarkt. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein, wer werden die Gewinner, wer die großen Verlierer sein?

Kölmel: Die Situation des Kinos ist schwierig und wird künftig auch nicht unbedingt leichter. Die Kinos verlieren besonders ihre junge Zielgruppe. Gerade Jugendliche sind mit dem Umgang neuer Medien vertraut, da wird dem Heimkino der teuren Kinokarte den Vorzug gegeben. Aber meiner Meinung nach hat auch das Kino weiter seinen Platz in der Wertschöpfungskette. Es wird sich jedoch stärker auf eine bestimmte Nische fokussieren müssen. Das klassische Filmkunstkino wird immer seine Zuschauer haben, ebenso wie die großen Eventmovies. Aber der Trend führt eher wieder weg von den großen Multiplexen, die den Zuschauer mit ihrem großen, unsortierten Angebot überfordern. Die klaren Gewinner der Digitalisierung werden DVD und Pay-TV sein. Die DVD ist schon etabliert. Pay-TV wird auch in Deutschland der Bringer werden, da bin ich mir ganz sicher. DVD und Pay-TV decken ab, was das Kino aufgegeben hat: die schöne Betrachtung von alten Klassikern. Wir haben zum Beispiel alte Filme von Wim Wenders oder Fassbinder digitalisiert neu aufgelegt.

So alte Klassiker werden doch schon häufig im Fernsehen ausgestrahlt. Fürchten Sie keine Kannibalisierungseffekte?

Im Gegenteil. Ich halte die oft zitierte Angst vor Kannibalisierung zwischen Pay-TV, Free-TV und DVD für unbegründet. Wir erleben das umgekehrt: Wenn ein Film im Fernsehen ausgestrahlt wird, geht er bei uns wieder in die Charts. So war das erst kürzlich wieder zu erleben, als der Sender Kabel 1 den Film "Der mit dem Wolf tanzt" gezeigt hat. Danach wurde der Film verstärkt auf DVD nachgefragt. Bei Free-TV, Pay-TV und DVD funktioniert die gegenseitige Befruchtung so toll, jetzt müssen wir nur noch das Kino mitnehmen. Man sollte bedenken, dass ein Nutzer unterschiedliche Interessen hat, es werden nicht alle Leute plötzlich nur noch eine Sache machen. Die Leute werden nach wie vor ins Kino gehen, aber sie wollen eben auch das haptische Erlebnis haben und die DVD zum Film zu Hause im Regal stehen haben.

Sie haben neben dem Kinowelt-Filmverleih auch eine Home-Entertainment-Tochter gegründet. Womit verdienen Sie mehr Geld?

Mit dem Home Entertainment-Bereich. Wir werten erfolgreich die Rechte aus dem Filmpaket, das wir damals von Kirch erworben haben und auch Titel von Canal plus aus.

Und wo investieren Sie?

In den Kauf neuer Filmrechte. Unsere Investitionen fließen in drei Bereiche: zum einen erwerben wir neue Rechte für den Kino und DVD-Vertrieb und-Verleih. Dann investieren wir in direct-to-dvd, also den direkten Filmverkauf über DVD ohne vorab stattfindende Kinoauswertung. Ein weiterer Teil fließt in die Auswertung unserer Filmbibliothek mit den bereits erworbenen Rechten von Kirch und Co.

Sie sind doch auch als Filmproduzent tätig. Also fließt mehr Geld in den Rechtekauf als in die Eigenproduktion?

Ja, definitiv. Der Zeit- und Kapitalaufwand ist einfach zu groß. Von der Planung bis zur Ausstrahlung eines Filmes vergehen ja manchmal Jahre. Während der Zeit ist eine enorme Menge an Kapital gebunden.

Auf welche Märkte konzentrieren Sie sich?

Unsere Zielmärkte sind vorerst Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Angenommen, eine gute Filmfee würde Ihnen sagen: "Herr Kölmel, Sie haben drei Wünsche frei!" Was würden Sie sich für die deutsche Filmwirtschaft wünschen?

Als erstes eine Verbesserung der Infrastruktur, wir müssen unabhängig von den Amerikanern werden. Mein zweiter Wunsch wäre die Weiterentwicklung von Pay-TV, also dass mehr Leute die Vorteile von Pay-TV erkennen und Abonnenten werden und dass das Pay-TV-Angebot mehr Kanäle bekommt. Drittens würde ich mir wünschen, dass der DVD-Boom anhält.

Ein abschließendes Wort?

Eine Empfehlung an die deutschen Produzenten: Seid unabhängig! Organisiert euch selbstständig und nützt die Chancen, die die technologischen Entwicklungen euch bieten, um finanzielle Unabhängigkeit zu etablieren.

Über Michael Kölmel

Michael Kölmel, Geschäftsführer von Kinowelt startete im Jahr 1984 mit einem kleinen Programmkino in Göttingen seine selbst schon filmreif gewordene Karriere: Gemeinsam mit seinem Bruder Rainer baute er den zwischenzeitlich weltweit fünftgrößten Filmrechtehandel auf, 1998 brachte er Kinowelt erfolgreich an die Börse. Sein unternehmerischer Mut sollte ihm bald zum Verhängnis werden: Für etwa 250 Millionen Euro überbot er im Poker um ein Filmpaket des US-Konzerns Time Warner die Konkurrenten Bertelsmann und Kirch. Doch die Rechnung hatte er ohne den Wirt gemacht: Die ausgebooteten Sender ließen Kölmel auf seinen Rechten sitzen.

Da die Brüder zudem schon beim Fußball-Sponsoring Millionen in den Sand gesetzt hatten, ging Kinowelt pleite und sein einstiger Gründer wanderte mehrfach ins Gefängnis. Die Vorwürfe: Untreue und Insolvenzverschleppung. Heute ist Kölmel auf Bewährung frei, geläutert und neuer, alter Chef von Kinowelt: Er kaufte den Konzern für 32 Millionen Euro aus dem Insolvenzverfahren zurück, verlegte den Firmensitz nach Leipzig und mischt wieder kräftig mit am deutschen Medienmarkt.

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