Interview mit Tim O´Reilly
„Gefährliches Missverständnis“

Tim O’Reilly, 53, ist Publizist und Verleger. Der gebürtige Ire und Fan von Science-Fiction-Literatur war 2004 Veranstalter der ersten Web-2.0-Konferenz. Mit der Wirtschaftswoche sprach er über das Ende des Herrschaftswissens, kollektive Innovation und die Magie des Netzes. Hier das Interview im Wortlaut:
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Herr O’Reilly, der von Ihnen kreierte Begriff Web 2.0 elektrisiert die Online-Welt und lässt Investoren Millionen für Wikis, Blogs und Communities ausgeben. Wiederholt sich die Internet-Blase von 1999/2000?

Natürlich gilt der sogenannte Hype-Cycle, die Abfolge von Innovation, Überbewertung und Etablierung einer Technologie, auch für das Web 2.0. Aber das heißt ja nicht, dass das Konzept falsch ist.

Worum geht es im Kern?

Ich habe festgestellt, dass die Überlebenden der ersten Internet-Welle durchweg die Möglichkeiten zur Vernetzung über das Internet intensiver genutzt haben als diejenigen, die Schiffbruch erlitten haben.

Was genau meinen Sie?

Amazon war so erfolgreich, weil die Nutzer hier eine Möglichkeit zur Bewertung der Bücher bekamen. Google war effektiver als andere, weil die Bewertung der Web-Seiten durch die Nutzer in das Suchergebnis einfließt. Die Dienste wurden besser, je mehr Leute nutzten. Und umso begehrter wurde der Service. Das ist "Magie des Netzwerkeffektes".

Leidet diese Magie nicht unter der Inflation des Kürzels 2.0?

Zumindest versprechen sich viele zu viel davon. Manches Unternehmen, das jetzt auf der Welle reitet, wird scheitern; vermutlich die meisten. Schließlich gilt im Internet stärker als im Offline-Wirtschaftsleben der Satz "Be first, be fabulous - or fail", also: Sei der Erste, sei berühmt - oder scheitere!

Web 2.0 findet heute primär in öffentlichen Netzen statt. Eignet sich das Prinzip auch für den Einsatz in Unternehmen?

Natürlich, nur hat das noch kaum jemand begriffen. Web 2.0 als Basis für Geschäftsmodelle im Netz, das diskutiert jeder. Dass das Konzept auch im Unternehmen für mehr Innovation, schnellere Entscheidungen, effizientere Geschäftsprozesse und bessere Information über Kundenwünsche sorgen kann, erkennt noch kaum jemand.

Welche Chancen sehen Sie?

Vor allem macht der Netzwerkansatz die kollektive Innovationskraft aller Beteiligten nutzbar. Als Unternehmer bin ich nicht länger auf die Einfälle angewiesen, die ich selbst, meine Geschäftsstrategen oder teuer bezahlte externe Berater haben. Wenn ich alle Mitarbeiter in die Ideenfindung, und -diskussion einbeziehe, erschließe ich mir ein enormes Wissenspotenzial.

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