Jugend
Umstrittener Jugendschutz: Experten sind gegen Computerspiel-Verbot

Wenn die Jugendschutzpläne der großen Koalition umgesetzt werden, könnten einige Computerspiele bald vom Markt verschwinden.

dpa KöLN/BERLIN. Wenn die Jugendschutzpläne der großen Koalition umgesetzt werden, könnten einige Computerspiele bald vom Markt verschwinden.

Unter dem Punkt „Aufwachsen ohne Gewalt“ haben Union und SPD im Koalitionsvertrag festgelegt, den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Bereich der neuen Medien zu verbessern - unter anderem durch ein „Verbot von "Killerspielen"“. Mit diesen Spielen werde Gewalt eingeübt und das Töten simuliert, lautet die Begründung. Doch viele Medienexperten halten Verbote für überflüssig und unwirksam.

Nach Ansicht der Koalitionspartner sind die bestehenden Jugendschutz-Vorschriften angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der neuen Medien nicht ausreichend, um den wachsenden Gefährdungen junger Menschen auf dem Mediensektor entgegenzuwirken. Zwar geht es laut der familienpolitischen Sprecherin der CDU/CSU- Fraktion, Maria Eichhorn, bei dem beabsichtigten Verbot in erster Linie um „reale“ Spiele wie „Gotcha“, „Paintball“ und „Laserdome“, bei denen Spieler beispielsweise mit Farbmunition aufeinander schießen. „Aber auch die virtuellen Spiele müssen auf den Prüfstand“, betont die Politikerin.

Dabei geht es nach ihren Worten vor allem um die Altersfreigaben der Freiwilligen Selbstkontrolle. Sollten diese nicht den Jugendschutzbestimmungen entsprechen, wäre letztlich auch „über ein Verbot des einen oder anderen Computerspiels zu diskutieren“. Zuvor hatte sich schon die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Maria Böhmer, für ein Verbot von „Killerspielen“ am PC stark gemacht. Bei häufigem Konsum könne sich die Hemmschwelle verschieben, so dass Gewalt im Alltag schneller toleriert werde, argumentiert sie.

Medienwissenschaftler und die Computerspiel-Lobby wehren sich gegen diese Pläne. Wissenschaftlich lasse sich nicht nachweisen, dass Computerspiele aggressiv machten, sagt Prof. Jürgen Fritz, Leiter des Forschungsschwerpunkts „Wirkung virtueller Welten“ der Fachhochschule Köln: „Die These "virtuell schießen - real morden" ist Blödsinn.“

Laut Fritz geht es in Computerspielen um „symbolisches“ Töten. Zwischen virtueller und realer Welt existierten Grenzen. Eine Rückwirkung auf das Verhalten im wirklichen Leben sei daher nicht anzunehmen. Jugendliche trainierten zudem am Rechner nicht für reale Situationen. „Für sie ist im Wettkampf Schluss“, sagt Fritz.

Der Wettkampfgedanke sei es auch, der Spieler so genannter Ego- Shooter wie „Counterstrike“, „Unreal Tournament“ und „Quake“ reizt, sagt Frank Sliwka vom Deutschen esport-Verband in Berlin. „Die meisten spielen es wegen der Teamfähigkeit, um gemeinsam Strategien zu erarbeiten und um zu gewinnen.“ Wie in Sport-Wettkämpfen in der Realität gehe es bei „Counterstrike“-Turnieren um den Ehrgeiz zu gewinnen. Sliwka ist zudem überzeugt, dass die Selbstkontrolle für Spiele funktioniere.

Auch die Spiele-Industrie sieht keine Notwendigkeit für Nachbesserungen: „Die aktuellen Regelungen zum Jugendschutz haben sich bewährt“, meint Olaf Wolters, Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware in Berlin. Bei den kritisierten Spielen handele es sich um Spiele ohne Jugendfreigabe. Damit Kinder keine Erwachsenenspiele spielen, dürften diese nicht generell verboten werden. In einer vernetzten Welt, in der Kinder aus dem Internet Erwachseneninhalte herunter laden können, sei die Wirksamkeit von Verboten sowieso fraglich. Wolters sieht deshalb in erster Linie die Erziehungsberechtigten in der Verantwortung.

Auch Prof. Fritz rät die Medienkompetenz der Eltern zu verbessern und empfiehlt mehr Gelassenheit: „Mit oberflächlichen Verboten kommt man an den Kern der Sache nicht heran. Die eigentlichen Probleme im Zusammenhang mit Computerspielen liegen in einer virtuellen Welt, die immer faszinierender wird.“ Weil Jugendliche immer mehr Zeit am PC verbringen, drohe der Verlust sozialer Kontakte in der Wirklichkeit.

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