Kampf um Marktanteile
Google verbündet sich in China mit Musikindustrie

Der Internetriese hat es bisher schwer auf dem chinesischen Markt, sein Marktanteil liegt deutlich hinter dem des Konkurrenten Baidu. Jetzt will der amerikanische Konzern zusammen mit großen Plattenfirmen Gratis-Lieder zum Herunterladen anbieten – China könnte so zum Testlauf für ein radikal neues Geschäftsmodell werden.

DÜSSELDORF. Google versucht mit einem ungewöhnlichen Schritt, seine Position in China zu stärken. Nach Informationen des „Wall Street Journal“ verhandelt der Internet-Konzern mit den großen Plattenfirmen Universal, Sony-BMG und Emi darüber, gemeinsam Gratis-Musik zum Herunterladen anzubieten. Die Gespräche seien weit gediehen, das Angebot könne bereits in wenigen Wochen starten. Eine Universal-Sprecherin bestätigte die Verhandlungen, wollte aber keine Details nennen. Google äußerte sich auf Anfrage nicht zu dem Bericht.

Für Google wäre die Vereinbarung von großer Bedeutung, um in China besser Fuß zu fassen. Verglichen mit den USA und Europa hat der Suchmaschinen-Spezialist in dem Land mit seinen 210 Mill. Internetnutzern eine schwache Stellung. Mit einem Anteil von 26 Prozent liegt Google weit hinter dem chinesischen Unternehmen Baidu, das 60 Prozent erreicht. Baidu ist mit einem geschätzten Umsatz von 227 Mill. Dollar im vergangenen Jahr zwar viel kleiner als Google, das 11,7 Mrd. Dollar umsetzte. Das an der Nasdaq gelistete Unternehmen punktet aber mit seinen besseren Kenntnissen der chinesischen Sprache und Suchgewohnheiten.

Viele Chinesen nutzen Baidus Suchmaschine, um Lieder im Netz zu finden. Die allermeisten Angebote, auf die Baidu verlinkt, verstoßen nach Angaben der Musikindustrie gegen das Urheberrecht. Mehrere Plattenfirmen reichten deshalb am Montag vor einem Pekinger Gericht Klage gegen das Unternehmen und einen weiteren Suchmaschinen-Betreiber ein.

Google blockiert dagegen die illegalen Tauschbörsen und verzichtet damit auf Marktanteile. Durch eine Kooperation mit den drei großen Musikkonzernen und zahlreichen kleineren Plattenfirmen könnte das Unternehmen diesen Nachteil ausgleichen. Die Musikfans sollen durch ein großes Sortiment an qualitativ hochwertigen und kostenlosen Songs angelockt werden, das Google gemeinsam mit dem Internet-Musikshop Top100.cn anbieten will.

Sollten die großen Plattenfirmen der Kooperation tatsächlich zustimmen, vollzögen sie damit eine radikale Strategiewende. Die Branche kämpft seit Jahren gegen Raubkopien im Netz, die ihre Umsätze mit CDs und Musikdateien schwer belasten. In China ist die Situation besonders dramatisch: Nach Angaben des Industrieverbandes Ifpi werden dort mehr als 99 Prozent aller Lieder illegal heruntergeladen. Die Plattenfirmen lehnten es bislang ab, die Alben ihrer Künstler selbst zum Gratis-Download ins Netz zu stellen, um verlorenes Terrain zurück zu gewinnen. China könnte somit zum ersten großen Testlauf für ein Geschäftsmodell werden, das einige Experten als Zukunft der angeschlagenen Musikindustrie betrachten.

Anstatt über die Musik selbst wollen die Partner vor allem mit Werbung Geld verdienen. Daneben sollen kostenpflichtige Zusatzangebote wie Klingeltöne für Handys Einnahmen bringen. Die Lieder sollen mit digitalen Wasserzeichen versehen werden, die automatisch Informationen über das Surfverhalten der Nutzer sammeln. Dadurch kann die Werbung genauer auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten werden.

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel
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