Kampf um Musikdownloads: Nokia bereitet Attacke auf iPod vor

Kampf um Musikdownloads
Nokia bereitet Attacke auf iPod vor

Mit der Übernahme des Online-Musikdienstleisters Loudeye für 60 Mill. Dollar bekräftigt der Mobiltelefonhersteller Nokia seine Ambitionen, zum führenden Anbieter im Entertainmentbereich aufzusteigen.

DÜSSELDORF. Loudeye bringt Nokia auf einen Schlag die benötigte Expertise im Musikbereich, Verbindungen zu allen wichtigen Plattenfirmen und gleichzeitig eine komplette Technologieplattform für den Musikdownload über PC und Internet.

Vorbehaltlich der Zustimmung der Loudeye-Aktionäre soll der Kauf Ende 2006 abgeschlossen sein. Nokia bietet 4,50 Dollar je Aktie. Loudeye ist an der Nasdaq notiert.

Nach Abschluss der Übernahme werden die Finnen theoretisch in der Lage sein, Telekomanbietern aus einer Hand komplette Musikshops für alle Übertragungswege anzubieten, also per Handynetz oder über das Internet.

Nokia wollte auf Anfrage nicht kommentieren, ob ein Musikladen unter eigenem Namen geplant ist. Aus einer Börsenmitteilung von Loudeye geht allerdings hervor, dass der finnische Konzern dies vorhaben könnte. Das könnte Nokia dann in direkte Konkurrenz zu Großabnehmern seiner Handys wie Vodafone oder T-Mobile bringen, die eigene Musikshops betreiben.

„Die Verbindung der PC-Expertise von Loudeye mit der Mobilfunk-Expertise von Nokia zeigt klar den Trend zu Mehrkanal-Musikdiensten“, sagt Willms Buhse von der Mobile-Technologiefirma Coremedia. Coremedia liefert Technik für digitales Rechtemanagement unter anderem für Musikplattformen wie Musicload.de.

Eigene Musikdienste sind für Telefonhersteller wie Nokia oder Motorola die Chance, den Handy-Musikmarkt für sich zu gewinnen, bevor ihn Apple mit seinem geschlossenen System aus iTunes-Musikshop und Apple-Rechtemanagement überhaupt betreten kann.

Ausgerechnet Apple-Chef Steve Jobs selbst hat ihnen die Chance dazu eröffnet. Aus Angst vor der eigenen Courage ließ Jobs das erste iTunes-Musik-Handy „Rokr“ – von Motorola zusammen mit Apple entwickelt – künstlich verschlechtern. Es konnte nur 100 iTunes-Lieder speichern, egal wie viel Platz im Speicher war. Jobs wollte damit verhindern, dass ein überlegenes Mobiltelefon den Verkauf seiner iPod-Modelle vermindert.

Das Ergebnis ist bekannt: Das „Rokr“ floppte gnadenlos, aber allen Mobiltelefonherstellern wurde schlagartig klar, dass ihnen nur noch eine Gnadenfrist bleibt, bis sie mit Apple in direkte Konkurrenz treten müssen.

Motorola verließ Apple und startete mit „IRadio“ einen Online-Radiodienst, der mit wenigen Handgriffen in eine Download-Plattform ausgebaut werden könnte. Nokia startete mit der „N-Serie“ eine eigene Modellreihe, die speziell für Musik und Video ausgelegt ist, teilweise mit Festplatten zur Musikspeicherung. Alleine von dieser N-Serie wurden laut Nokia im vergangen Quartal 15 Millionen Stück verkauft.

Was noch fehlt, ist der passende Musikservice. Nokia kooperiert seit zwei Jahren mit Microsoft, setzt – anders als etwa Apple – aber auch auf offene Software- und Kopierschutzsysteme. Das hat aber einen großen Nachteil: Der Hersteller kann kaum Einfluss nehmen auf die Qualität der Musikdienste und die verwendete Software. Es sei denn, er schneidert die Musikshops künftig selbst für seine Telekomkunden zu. Dann wäre gewährleistet, dass Nokia-Kunden problemlos mit ihrem Telefon Musik über das Internet oder das Mobilfunknetz kaufen könnten.

Das wäre ein großer Vorteil gegenüber Apple. Zur Enttäuschung aller Analysten und Marktbeobachter hatte Steve Jobs am Montag zur Eröffnung der Apple-Entwicklerkonferenz in San Francisco erneut kein iTunes-fähiges Apple-Mobiltelefon angekündigt. Nach der Ankündigung der Nokia-Pläne verlor die Apple-Aktie am Dienstag fast vier Prozent an Wert und fiel auch im frühen Handel am Mittwoch weiter.

Alleine keine Chance: Für noch gerade weltweit 60 Kunden in über 20 Ländern liefert betreibt Loudeye Musikplattformen im Internet. Große Kunden wie Coca-Cola in England sind gerade erst zu iTunes von Apple gewechselt.

Zu wenig Umsatz: Trotz der früheren Übernahme des Musikdienstes OD2 der Musiklegende Peter Gabriel macht Loudeye gerade 20 Mill. Dollar Umsatz. Apple fährt mit iPod und iTunes fahren Milliarden ein.

Ungehobene Schätze: Loudeye hat eine umfangreiche Musikdatenbank, vielfältige Kundenbeziehungen zu allen großen Musikfirmen der Welt und ein funktionierendes Abrechnungssystem. Das kann Nokia Jahre Entwicklungsarbeit sparen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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