Kartenprojekt
OpenStreetMap stellt kommerzielle Anbieter in den Schatten

Ein offenes Kartenprojekt, das nach dem Wiki-Prinzip funktioniert, macht kommerziellen Kartenanbietern das Leben schwer. Weil jeder zu dem Projekt beitragen kann, ist OpenStreetMap einer Studie zufolge schon an dem ersten kommerziellen Konkurrenten vorbeigezogen. Inzwischen wird das Kartenmaterial bereits von Navigationssoftware genutzt.
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HB HAMBURG/LONDON. Für kommerzielle Anbieter digitaler Karten kommt eisiger Wind auf. Die freie Community OpenStreetMap hat mächtig aufgeholt. Einer aktuellen Studie zufolge verfügt OpenStreetMap (OSM), ein Gemeinschaftsprodukt von über 300 000 Nutzern, inzwischen über annähernd vergleichbares Material zur kostenlosen Nutzung. Bereits im Sommer 2010 habe OSM beispielsweise "die Gesamtkilometer von Teleatlas überholt", sagte Alexander Zapf, Geoinformatik-Professor in Heidelberg.

"Die Berechnungen zu den Großstädten ergaben in allen untersuchten Städten, dass OSM mehr Daten vorweisen konnte als TeleAtlas", fasst Zapf eines der Ergebnisse seiner empirischen Untersuchung zusammen.

Die Daten werden von mehr als 320 000 Nutzern zusammengetragen, die geografische Koordinaten in das System eintragen. "OpenStreetMap erlebt derzeit eine exponentielle Dynamik, die an die Entwicklung und den Durchbruch von Wikipedia vor einigen Jahren erinnert", sagte Oliver Kühn, Mitglied des Vorstands der OpenStreetMap-Foundation. Sämtliche Kartendaten stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz und können frei verwendet werden, so lange die Lizenz beibehalten und die Quelle genannt wird.

Das Projekt erhält inzwischen auch Unterstützung von vielen Behörden und öffentlichen Einrichtungen. So liefert die Stadt Augsburg amtliche Geodaten dazu und stellt alle amtlichen Adressen der Stadt sowie die Daten der städtischen Gebäude mit Publikumsverkehr zur Verfügung. In Deutschland nutzt auch der Service "Gelbe Seiten" das Kartenmaterial von OSM.

Auch für kommerzielle Navigationssoftware wird das Kartenmaterial genutzt. So beruht die GPS-Navigation Skobbler auf OSM-Material. Als Anwendung für das iPhone und Android-Handys war Skobbler zeitweise an den rund 80 Euro teuren Navigations-Apps etwa von Navigon vorbeigezogen.

Der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft setzt inzwischen auf die Open-Source-Alternative und nutzt das Kartenmaterial beispielsweise in seiner Suchmaschine Bing. Erst vor wenigen Tagen kündigte der Softwarekonzern an, der Community Luftbilder aus Bing zur Verfügung zu stellen. Als Koordinator für die Zusammenarbeit stellte Microsoft seinen Mitarbeiter Steve Coast ein - Coast hatte das Projekt OpenStreetMap vor mehreren Jahren gegründet.

Kommentare zu " Kartenprojekt: OpenStreetMap stellt kommerzielle Anbieter in den Schatten"

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  • Hier wird etwas geschaffen, das TeleAtlas nicht bieten könnte: Frei verwendbare Geodaten. Solche Daten sind für OpenSource-Projekte, Kleinunternehmen und Startups, aber auch Menschen mit interessen abseits des Mainstreams ein Segen: Schon bei Fußgängern und Radfahrern lässt die Qualität der üblichen Karten und Navis ja massiv zu wünschen übrig, und bei der Nutzung durch blinde und Rollstuhlfahrer kann man sie völlig vergessen.

    Das Geschäftsmodell von TeleAtlas ermöglicht viele sinnvolle Nutzungen von Geodaten einfach nicht, weil es nicht ohne eine hohe finanzielle Einstiegshürde für Geodaten-Nutzer auskommt.

  • Nun ja, verwunderlich ist das nicht so ganz. Schließlich sind es 320.000 "Mitarbeiter". Ehrlich gesagt, auf der einen Seite finde ich das gut - für ich ist das so etwas wie ehrenamtliches Engagement. Auf der anderen Seite könnte sich TeleAtlas keine 320.000 Mitarbeiter leisten. Ergo: Mit der Zeit werden hier Arbeitsplätze vernichtet. Man müsste hier eine Kombination aus beidem finden.

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