Künstliche Intelligenz KI soll die humanitäre Hilfe revolutionieren

Künstliche Intelligenz krempelt die Welt um wie einst die Dampfmaschine. Davon soll auch die humanitäre Hilfe profitieren.
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Der Armumfang wird in Krisengebieten millionenfach vermessen, um festzustellen, wie unterernährt Kinder sind und welche Hilfe nötig ist.
Armumfang messen

Der Armumfang wird in Krisengebieten millionenfach vermessen, um festzustellen, wie unterernährt Kinder sind und welche Hilfe nötig ist.

GenfFlucht, Angst, Hunger quälen die kleinen Kinder seit Tagen, und dann kommen auch noch Fremde, die sie am Arm packen und das Messband anlegen: Für Flüchtlingskinder ist die erste Begegnung mit Helfern oft zusätzlich traumatisch. Aber der Armumfang wird in Krisengebieten millionenfach vermessen, um festzustellen, wie unterernährt die Kinder sind und welche Hilfe nötig ist.

Künstliche Intelligenz soll den Kleinen das künftig ersparen und gleichzeitig viel schnellere und akkuratere Erhebungen möglich machen. Wie dies und andere Ideen die humanitäre Hilfe revolutionären können, zeigen Erfinder und Experten diese Woche bei der Konferenz „Künstliche Intelligenz für gute Zwecke“ in Genf.

Das Unternehmen Kimetrica in Kenia hat ein Programm entwickelt, das den Grad von Unterernährung bei unter Fünfjährigen anhand von Fotos mithilfe computergesteuerter Gesichtserkennung ermitteln kann. „Es wurde schon erfolgreich mit Erwachsenen getestet, jetzt füttern wir das Modell mit Körpermessungen aus Kenia und Fotos, um es richtig zu trainieren“, sagt die Kimetrica-Direktorin in Kenia, Anita Shah.

Tech-Titanen streiten um die Künstliche Intelligenz
Elon Musk
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Zuletzt hatte der SpaceX- und Tesla-Chef die Diskussion wieder angefacht. Ungewohnt für das so gern auf Selbstregulierung pochende Silicon Valley forderte Musk bei der Künstlichen Intelligenz Eingriffe durch den Gesetzgeber.

Einer der nachdrücklichsten Mahner
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Musk findet deutliche Worte: „Künstliche Intelligenz stellt ein grundlegendes Risiko für die Existenz der menschlichen Zivilisation dar, auf eine Weise wie es Autounfälle, Flugzeugabstürze, schadhafte Drogen oder schlechtes Essen nie waren“. Damit machte er sich nicht nur Freunde im Silicon Valley.

Mark Zuckerberg
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Der Facebook-Gründer gilt vielen als Grundoptimist – nicht nur in Bezug auf die Vorzüge seiner eigenen Plattform, sondern auch bei der Künstlichen Intelligenz. Die will er auch für Facebook nutzen, zum Beispiel zur Identifikation von Hasskommentaren. Er warf den Kritikern wie Musk vor, es sei von Schwarzmalern unverantwortlich, Schreckensszenarien zu entwerfen. „Ich bin wirklich optimistisch“, hielt er dagegen.

Der Streit
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Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Sein Verständnis des Themas ist begrenzt“, schrieb Musk über Zuckerberg auf Twitter. Dabei ist er mit seinen Bedenken längst nicht allein unter den sonst so Technologie-Begeisterten Vertretern aus Kalifornien.

Peter Thiel
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Musk rief zusammen mit anderen Tech-Größen 2015 „Open AI“ ins Leben – ein mit einer Milliarde Dollar ausgerüstetes Forschungsprojekt, das die Risiken und Nebenwirkungen der Künstlichen Intelligenz erforschen und für eine positive Entwicklung sorgen soll. Zu den Geldgebern gehört auch Trump-Berater und Tech-Milliardär Peter Thiel.

Reid Hoffman
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Auch der Mitgründer des Karrierenetzwerks LinkedIn gehört zu den Unterstützern von „Open AI“.

Ray Kurzweil
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Es gibt allerdings auch Optimisten. Ray Kurzweil etwa, Forscher in Diensten von Google, hofft auf die Singularität – also darauf, dass Maschinen die Menschen übertreffen und sich selbst optimieren können. Dank rasanter technischer Fortschritte könne es in zehn bis 15 Jahren so weit sein.

Die Innovationswerkstatt des UN-Kinderhilfswerk Unicef unterstützt das Projekt. Außerdem wird etwa im Irak getestet, ob Satellitenbilder Aufschluss über den Grad der Armut in einer abgelegenen Region liefern können. Die Computerprogramme könnten auswerten, wie viele Leute elektrisches Licht haben, aus welchem Material Dächer sind oder ob beim Haus Vieh gehalten wird.

Eine andere Überlegung ist, ob man aus Mobiltelefon-Nutzung etwas über Armut oder Dürre ableiten kann. Zum Beispiel, wie oft Telefonkarten aufgeladen werden, ob mehr SMS geschickt oder Gespräche geführt werden, ob das von Dorf zu Dorf verschieden ist, wie lang Gespräche sind und wie groß das Netzwerk der Kontakte.

„Das Tolle an künstlicher Intelligenz ist, dass man der Maschine nicht sagen muss, was genau sie analysieren soll“, sagt Naroa Zurutuza, Datenwissenschaftlerin in Unicefs Innovationswerkstatt. Das Computerprogramm findet, wenn es mit genügend Daten gefüttert wird, von selbst Zusammenhänge heraus. Sie betont: Es würden nur anonymisierte Daten verwendet, die Privatsphäre sei stets geschützt.

Technologielösungen für die Ärmsten

„Innovationen mit ungeheurer Schubkraft“ hat Maurizio Vecchione im Visier. Er leitet den von Microsoft-Gründer Bill Gates finanzierten „Global Goods Fund“ bei der Innovationsfirma Intellectual Ventures. Er will Technologielösungen für die ärmsten Menschen der Welt finden. Schwerpunkt ist der medizinische Bereich.

„In Entwicklungsländern fehlen Ärzte und Spezialisten. Wir haben uns gefragt: Kann man Entscheidungshilfen entwickeln, die Spezialisten ersetzen können?“ Seine Antwort: ja. Ein Computer könne mithilfe künstlicher Intelligenz eingefütterte Daten verarbeiten und Diagnosen mindestens so präzise stellen wie ein Spezialist. Es gebe schon Ultraschallgeräte, die an ein Handy angeschlossen werden können. Mit Vitalwerten wie Puls, Temperatur und Fotos könne ein Programm selbst einem rudimentär ausgebildeten Krankenpfleger in den meisten Fällen genügend Entscheidungshilfe für Diagnose und Behandlung bieten.

„Auch in reichen Ländern werden 80 Prozent der Krankheitsfälle mit ziemlich einfachen Interventionen behandelt“, sagt Vecchione. „Auch 80 Prozent der Patienten, die Spezialisten wie einen Kardiologen sehen, bekommen nur Medikamente.“ Es gebe schon Diagnoseprogramme, die bei Versuchen öfter richtig lägen als Topspezialisten.

Der Global Fund ist überzeugt, dass solche Programme die Gesundheitsversorgung in den ärmsten Ländern revolutionieren können – und womöglich auch in reichen Ländern. In Entwicklungsländern vergibt der Fonds die Lizenz umsonst, reichere müssen zahlen. Vecchione betont, dass in Entwicklungsländern dafür natürlich auch Strom- und Mobilfunknetze ausgebaut werden müssen.

„Natürlich ist Maschinenlernen nicht so simpel, dass man jede Menge Daten ins Smartphone lädt und es dann eine Lösung ausspuckt“, sagt Vecchione. Die Grundinformationen, mit denen Computer gefüttert werden, um dann zu lernen, was aus den Daten zu schließen ist, müssten sehr präzise entwickelt werden. In vielen Bereichen fehle es auch einfach an genügend Daten, sagt Zurutuza. Manchmal seien Erkenntnisse aus Daten nicht auf die ganze Bevölkerung zu übertragen. Vecchione und Zurutuza sehen aber beide enormes Potenzial.

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  • dpa
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