Kundenorientierte IT-Lösungen rechnen sich
Schrauben aus dem Internet

Von wegen E-Commerce ist tot: Gerade beim Handel gibt es rühmliche Ausnahmen. Sie profitieren von der elektronischen Vernetzung ihrer Beschaffungs- und Verkaufsstrukturen. Ein optimal organisierter Datenaustausch führt zu einer schnelleren Abwicklung von Aufträgen und zu einer Reduzierung der Lagerhaltung beim Kunden.
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HB DÜSSELDORF. Seit 115 Jahren dreht sich bei der F. Reyher alles um den Handel mit Verbindungs- und Befestigungselementen. Die Hamburger sind eines der führenden Unternehmen der Branche und verfügen mit rund 60 000 verschiedenen Artikeln über das breiteste und tiefste Sortiment in Deutschland, zumal weitere 20 000 kundenspezifische Teile vorgehalten werden. Der Händler, der mit rund 350 inländischen und 150 ausländischen Lieferanten zusammenarbeitet, bietet seinen Kunden ein intelligentes C-Teilemanagement und modernste Lösungen im Bereich der Versorgungslogistik.

Schon Anfang der 90er-Jahre waren Bestandsabfragen und Bestellungen online möglich. Inzwischen wurden diese erfolgversprechenden Ansätze zum Internet-Service RIO (Reyher Internet Order) weiterentwickelt. „Neben der hohen Lieferbereitschaft und der großen Artikelvielfalt werden kundenorientierte IT-Lösungen gewünscht“, bestätigt Harm Schmitt, Vertriebsleiter von Reyher.

Elektronischer Datenaustausch bietet vielfältige Vorteile


Basis von RIO ist eine Produktdatenbank mit allen verfügbaren Artikeln, die mit Abbildungen auf einer CD-ROM gespeichert ist. Hinterlegt sind zudem komfortable Suchfunktionen. Artikel und Abmessungen lassen sich so offline auswählen und anschließend in den Warenkorb übertragen. „Per Internet können dann Verfügbarkeiten und kundenindividuelle Preise eingeholt sowie Bestellungen ausgeführt werden“, erklärt Peter Bielert, Leiter Unternehmensentwicklung bei Reyher.

Der elektronische Datenaustausch bietet vielfältige Vorteile: So sinken die administrativen Kosten, weil das Sammeln, Verteilen und Archivieren von Papierdokumenten entfällt. Durchlauf- und Lieferzeiten werden verkürzt, Fehler durch die einmalige Datenerfassung reduziert. Vor allem können Abnehmer ihre Lagerbestände und auf diese Weise ihre Kapitalbindung verringern.

Neben RIO sind auch das Edifact-System (Electronic Data Interchange For Administration, Commerce and Transport) und die universell einsetzbare Plattform LotusNotes etabliert. Für die B2B-Kommunikation im zwischenbetrieblichen E-Commerce ist die Erstellung kundenspezifischer Kataloge im BMEcat-Format ebenso möglich wie die Anbindung an ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) auf Kundenseite, wie sie u.a. von SAP angeboten werden. „Der Druck wächst eindeutig in Richtung derartiger Lösungen. Wir sind sehr offen für weitere Entwicklungen in diesem Bereich“, so Hartwig K.J. Müggenburg, Geschäftsführender Gesellschafter von Reyher.

"Die Internetaktivitäten werden insbesondere dazu benutzt, die Preise zu drücken."


Doch nicht alle Beteiligten sind glücklich mit diesem Trend: „Wir haben eine differenzierte Einstellung zu diesem Thema. Wenn alle Seiten profitieren, sind wir eindeutig dafür. Das ist aber in 99 % aller Fälle nicht so, vielmehr werden die Internetaktivitäten insbesondere dazu benutzt, die Preise zu drücken“, beklagt sich Frank Naumann, Geschäftsführer des Deutschen Schraubenverbandes (DSV) in Hagen. Der DSV weist auch darauf hin, dass „Schrauben und Muttern häufig an kritischen Einbaustellen wirksame Hochleistungsprodukte sind, die nicht über bunt flackernde Bildschirme bei jedem beliebigen Hersteller rund um die Welt angefragt werden können.“ Eine Meinung, die in Hamburg bei Reyher geteilt wird.

Der optimale Datenaustausch ist eine Sache, eine andere der physische Transport von Schrauben, Muttern und Dübeln, die bei Reyher in 43 000 Paletten- und 73 000 Behälterstellplätzen gelagert werden. „Alle Bestellungen, die bei uns bis 11.30 Uhr eingehen, sind innerhalb Deutschlands definitiv am nächsten Werktag beim Kunden“, verspricht Schmitt. Die Lieferbereitschaft beträgt 98 bis 99 %. Weil sämtliche Teile zentral an einem Ort vorhanden sind, können Aufträge komplett in einer Sendung ausgeliefert werden, was wiederum die Lagerhaltung beim Kunden reduziert. In einer so genannten Sorteranlage, die aus fünf automatischen Kleinteilelagern mit je 500 Plätzen besteht, werden alle Positionen zusammengeführt, bis die Order gänzlich erledigt ist. „Die Quote der Packfehler liegt bei nur 0,2 %“, freut sich Guy Trachtenberg, Betriebsleiter bei Reyher. Bei täglich 2 500 Aufträgen mit rund 12 000 Positionen sicherlich ein sehr guter Wert. Waren bis zu 150 Tonnen Gewicht verlassen Tag für Tag den Haferweg im Hamburger Stadtteil Altona.

Verbindungs- und Befestigungselemente sind so genannte C-Teile, d.h. ihr Einzelwert ist gering, ihre Vielfalt sehr hoch. Daraus folgt, dass die Beschaffungskosten mit 80 % das Einkaufsvolumen mit 20 % deutlich übertreffen. Der Bundesverband Materialwirtschafts- und Einkaufsleiter (BME) beziffert die Kosten, die eine Bestellung auslöst, mit ca. 130 €. Diese Prozessaufwendungen lassen sich mit Lagerbewirtschaftungssystemen eingrenzen. Die ausgeprägteste Form dabei ist der komplett eingerichtete Stellplatz mit optimal errechneter Just-in-time-Menge und einer Disposition, die nach Verbrauchswerten geführt wird, um eine 100 %ige Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Das Verfahren funktioniert mit an den Behältern angebrachten Barcodes und mobilen Handscannern. Durch das Lesen der Codes erfolgt eine Datenfernübertragung und der Warenfluss für den nächsten Tag wird initiiert. „Künftig wird die Beschaffungslogistik sich noch stärker auf automatisierte Dispositions- und Bestellabwicklungen ausrichten“, ist Müggenburg sicher.

Motto "Alles aus einer Hand" treu bleiben


Bei rund 120 Reyher-Kunden sind Just-in-time-Systeme nach dem E-Kanban-Prinzip implementiert. Dabei bilden zwei Behälter jeweils einen geschlossenen Regelkreis, die auf den Barcode-Etiketten sehr detaillierte Angaben enthalten wie Lagerort bzw. Kostenstelle, Lieferscheinnummer, Füllmenge etc. „Falls gewünscht, übernehmen wir sogar den Regaldienst und die Disposition für unsere Kunden“, so Schmitt. Dazu zählen u.a. Maschinen- und Apparatebauer, Werften, Schienenfahrzeug- und Windkraftanlagenhersteller. 400 Mitarbeiter erzielten 2001 einen Umsatz von 120 Mill. €, womit Reyher zu den bedeutendsten Unternehmen seiner Art in Europa gehört. Auch für die Zukunft sieht sich die Hamburger Traditionsfirma gut gerüstet: „Wir werden uns noch stärker als Dienstleister aufstellen und unserem Motto ,Alles aus einer Hand’ treu bleiben“, so Müggenburg.

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