Literatur
Von Stümpern, Datenklau und Gratiswahn

Lange haben Autoren und Intellektuelle die Zumutungen des World Wide Webs stoisch ertragen. Jetzt wehren sie sich mehr und mehr gegen die ausufernde digitale Welt. Die Verdammung ist in vollem Lauf – nicht nur in der Diskussion über das geistige Eigentum.

BERLIN. „Wir werden zu Erfüllungsgehilfen unserer Endgeräte“, heißt es in dem Essay „Das große Rauschen“, in dem die Germanistin Astrid Herbold die Lebenslügen der digitalen Gesellschaft beschreibt. Die Medienökonomin Gisela Schmalz rechnet in ihrem Buch „No Economy“ mit dem Gratiswahn ab, der das Internet zerstöre. Der Journalist Stephen Baker deckt in „Die Numerati“ die geheimen Machenschaften der Datenhaie auf.

Die Fronten zwischen Bloggern und Printjournalisten, zwischen Datenschützern und Usern, die Seelenstriptease zum Lebenssinn erheben, werden härter. „Das Internet verkommt zu einem Dschungel der Mittelmäßigkeit“, hatte der prominente Kritiker Andrew Keen schon vor zwei Jahren in dem Buch „Die Stunde der Stümper“ gewettert und jene Amateure verdammt, die das Internet mit ihren Banalitäten verstopften. Heute hat er seine Thesen modifiziert und ist zum begeisterten Twitter-Anhänger geworden. Seine Fundamentalkritik jedoch ist für die Internet-Apokalyptiker Basislektüre geworden.

„Irrlichternde Nutzer“ nennt Astrid Herbold die in ihren Augen ahnungslosen Webkonsumenten. Sie warnt sie vor den Gefahren, die der unbesorgte Umgang mit den neuen Medien bietet: „Denn das Netz ist postmodern. Es zerstückelt und collagiert. Es kopiert und verteilt, es kombiniert und entwickelt weiter. Es propagiert eine umgekehrte Preis-Leistungs-Logik, deren zentraler Grundsatz lautet: Was alle haben wollen, sollte auch für alle umsonst sein.“

Die Menschheit werde nicht gebildeter und freier, weil es das Internet mit den unbegrenzten Informationen gibt, schreibt Herbold. Das ist richtig. Nur schade, dass man sich in ihrem kritischen Rundumschlag genauso verlieren kann wie in den Weiten des Webs. Hat die Autorin etwa zu viel gegoogelt?

Munter eilt sie vom Selbstinszenierungswahn der User zu sozialen Netzwerken und zur neuen Pflegewelt, in der die Alten digital überwacht werden. Vieles, was bissig und provokativ daherkommen soll, klingt bemüht. Auf aktuelle Diskussionen zum Urheberrecht oder die versuchte Gegenwehr von Verlegern gegen die allmächtige Suchmaschine Google geht sie kaum ein.

Auch Gisela Schmalz hat viele Informationen über aktuelle Entwicklungen in ihren Blog zum Buch „No Economy“ verschoben. Das erste Kapitel des Buches fehlt leider aus „Platzgründen“, liest man dort erstaunt; im Internet wird es als „Bonusmaterial“ nachgereicht. Die Medienökonomin versucht eine Bestandsaufnahme der Onlineökonomie. Ihrer Ansicht nach verhindert die Gratiskultur den Aufbau eines funktionierenden Onlinemarktes.

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