Maskottchen des Chatprogramms QQ
Wenn der Pummel-Pinguin tanzt

230 Millionen junger Chinesen sehen dem kleinen pummeligen Pinguin regelmäßig beim Tanzen zu, wenn sie ihren Computer anschalten: Die Comic-Figur ist das Maskottchen von QQ, dem erfolgreichsten Chat-Programm Chinas. Dessen durchschlagender Erfolg fällt zusammen mit dem Heranwachsen einer neuen Generation.

PEKING. Immer wenn Leo Deng mit seinem Computer ins Internet geht, beginnt in der Task-Leiste seines Rechners ein kleiner, pummeliger Comic-Pinguin mit rotem Schal einen niedlichen Tanz. Das Maskottchen "QQ" zeigt auf diese Weise an, dass sich der Rechner in das Netzwerk von Chinas gleichnamigem Onlineportal einloggt. Kurze Zeit später springt in einem schmalen Fenster die Liste mit Leo Dengs Freunden auf. Statt Kontaktfotos lächeln dort die aufwändig ausgestatteten Comic-Avatare seiner Freunde. Neben einer China-Flagge in Herz-Form steht, wie viele Mitglieder des "I-Love-China"-Gruppenchats gerade online sind.

Leo Deng, Angestellter der Bank of China in Peking, ist einer von Chinas 230 Mill. Internetnutzern. Fast jeder von ihnen hat eine oder mehrere QQ-Nummern, um das kostenlose Chat-Programm zu nutzen. "QQ hat Telefon und SMS als wichtigste Kommunikationsform für junge Chinesen abgelöst", schreibt Tangos Chan, Autor des Blogs "China Web2.0 Review", im Chat mit dem Handelsblatt. Trotz der 320 Mill. aktiven Profile ist das Programm im Ausland kaum bekannt, lässt in China aber westliche Konkurrenten wie MSN Live Messenger und Skype weit hinter sich.

Dabei sieht die Webseite für westliche Sehgewohnheiten mit ihrem Gewimmel chinesischer Schriftzeichen unübersichtlich und überladen aus. Doch das QQ-Design und die konsequente Ausrichtung des Portals auf Unterhaltung hat den richtigen Nerv der Chinesen getroffen, sagt QQ-Nutzer Leo Deng. "Während sich der Konkurrent MSN als eleganter Gentleman aus dem Ausland präsentiert, ist QQs Botschaft: ?Ich bin ganz normal, genau wie du." Außerdem seien viele Chinesen patriotisch und bevorzugten im Zweifel die chinesische Firma der ausländischen.

QQ wurde 1998 von der Firma Tencent als eins von unzähligen Startup-Unternehmen in Shenzhen unter dem Namen OICQ gegründet - als eine bis aufs Design originalgetreue Kopie des israelischen Chat-Programms ICQ. Um das kostenlose Herzstück Instant Messaging (IM) hat die Firma Tencent im Laufe der Jahre eine Reihe kommerzieller Dienste gestrickt, die die grössten Bedürfnisse der chinesischen Internetnutzer befriedigen: Unterhaltung und die Möglichkeit, Freunde zu finden.

Laut einer Studie des China Internet Network Information Center (CNNIC) sind rund 70 Prozent der chinesischen Internetnutzer unter 30 Jahren alt. Aufgrund der Zensur und gesellschaftlicher Restriktionen sind Film, Musik und andere Unterhaltungsindustrien gegenüber dem Internet wenig entwickelt und oft zu teuer. QQ füllt diese Unterhaltungslücke und handelt mit virtuellen Gütern wie Onlinespielen, Klingeltönen, Musik und Videos. Gegen wenige virtuelle QQ-Coins (die umgerechnet etwa 10 Cent wert sind) können die User ihre Avatare mit Kleidung und Möbeln personalisieren, auf QQ-Pet ein virtuelles Haustier halten und in der QQ-Zone Blogs erstellen. Die günstigen und deshalb niedrigschwelligen Angebote werfen mit der riesigen Nutzerzahl multipliziert große Gewinne ab. Laut Geschäftsbericht nahm das QQ-Portal im vergangenen Jahr umgerechnet 523 Mill. US-Dollar ein. Von der chinesischen Presse wird Tencents Gründer Ma Huateng als bescheidener und strebsamer Vorzeigeunternehmer gefeiert. Das "Time Magazine" wählte ihn 2007 gar unter die hundert wichtigsten Leute der Welt.

QQs durchschlagender Erfolg falle mit dem Heranwachsen einer neuen Generation zusammen, erklärt Benjamin Joffe, Direktor der Pekinger Internet-Consultingagentur plus8tar: "Die QQ- Generation besteht aus Kindern urbaner Ein-Kind-Familien, die gleichzeitig Handys, Internet, Werbung und Konsum für sich entdeckt haben. Vom Wissen ihrer Eltern abgeschnitten, bekommen Sie in den Chatgruppen Informationen und Unterstützung von ihren Peers - was für sie eminent wichtig ist." Trugen Teenager zuerst T-Shirts und Taschen mit QQ-Pinguinen, hat dieser Trend abgenommen. QQ ist zu normal geworden, um so Modernität zu signalisieren. Was bleibt, ist die durch QQ verbreitete "Mars-Sprache" (huo xing wen): Ein für Online-Kommunikation verwendeter Slang, der auf wildwuchernden Assoziationen zwischen englischen Vokabeln, Zahlen, Hieroglyphen und chinesischen Zeichen basiert. So bedeutet 3Q "Thank you" - denn die Zahl 3 wird im Chinesischen san ausgesprochen, Q im Englischen wie "You". "Orz" demonstriert Höflichkeit, zeigt die Buchstabenreihe doch ein Männchen, das sich auf den Knien verneigt und dessen Kopf ein "O" ist, das "r" die Arme und das "z" die knienden Beine sind.

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