Microsoft-Urteil
Kotau vor den Kartellwächtern

Das Urteil des Europäischen Gerichts trifft Microsoft hart. Künftig muss der Weltmarktführer technische Details seiner Software offenlegen. Damit wankt die monopolartige Stellung bei Computer-Betriebssystemen. Konkurrenten reiben sich die Hände.

LUXEMBURG. Microsoft-Manager Brad Smith braucht 45 Minuten, bis er zu einer Stellungnahme fähig ist. Kaum ist im großen Verhandlungssaal des Europäischen Gerichtshofs das Urteil verkündet, da erheben sich Smith und seine Entourage, kämpfen sich wortlos durch eine Schar von Journalisten – und verschwinden in einem Beratungszimmer. Auf ein derart deutliches Urteil war der sonst so eloquente Chef-Jurist und Vize-Präsident von Microsoft nicht vorbereitet. Neun Jahre tobte der Kampf um die Spielregeln der IT-Branche. Jetzt, da er entschieden ist, bleibt der Weltkonzern zunächst sprachlos.

Die Deutungshoheit über das überraschende Urteil übernehmen erst einmal andere. Zum Beispiel Thomas Vinje, der wichtigste Anwalt der Microsoft-Konkurrenten. In eine schwarze Robe gehüllt und ausgestattet mit einer festen, von Selbstbewusstsein zeugenden Stimme, wirkt Vinje, als sei er nicht Partei, sondern selbst die letzte Instanz in Sachen Microsoft. Vinje genießt es, als sich nach der Urteilsverkündung durch den Präsidenten des Gerichts Erster Instanz, Bo Vesterdorf, Kameraleute und Reporter auf ihn stürzen. „Dies ist ein großer Tag für Europas Verbraucher und für die Kommission“, sagt Vinje. „Diese Entscheidung begründet neue Prinzipien für den Umgang mit Monopolisten, die ihre beherrschende Marktstellung mit illegalen Mitteln zementieren.“

Ein deutscher Vertreter der freien Software-Gemeinde Samba nickt zustimmend. „Jetzt können wir endlich alternative Produkte entwickeln, ohne fürchten zu müssen, von Microsoft atomisiert zu werden“, sagt er. Keine Frage: Die Microsoft-Kritiker haben Oberwasser. Sie beherrschen an diesem denkwürdigen Morgen in den Wandelhallen des Europäischen Gerichtshofs die Statements. Dutzende von Anwälten, Firmenvertretern und Verbandsoberen bevölkern die Marmorgänge des Gerichtsgebäudes. Nachdem Vesterdorf und seine zwölf Richterkollegen den Saal verlassen haben, diskutieren die Experten in kleineren und größeren Gruppen die spektakuläre Entscheidung – und ihre Auswirkungen.

Tatsächlich hat das, was Vesterdorf soeben verkündet hat, weitreichende Folgen. Microsoft muss sich öffnen, Schnittstellen zur Verfügung stellen. An die können Rivalen wie Sun oder IBM ihre eigene Software andocken. Vor allem aber dürften die Anbieter freier Software profitieren. Im Gegensatz etwa zu Microsoft stellen sie ihre Programme ohne Lizenzgebühren zur Verfügung. Viele Unternehmen scheuen jedoch den Einsatz, weil sie Probleme bei der Zusammenarbeit mit Microsoft-Produkten fürchten. Das wird sich jetzt ändern. „Microsoft muss die Auflagen umsetzen. Das wird die Nachfrage nach freier Software beschleunigen“, sagt Georg Grewe, Präsident der Free Software Foundation Europe.

Aber auch Microsoft-Anhänger melden sich zu Wort. Einer von ihnen ist Jonathan Zuck, Präsident von ACT, einem Verband, der sich dem Schutz kleiner, innovativer IT-Unternehmen verschrieben hat. „Das Urteil ist für kleine und mittlere Unternehmen eine Katastrophe“, meint der ACT-Chef. Die Zwangstrennung des Media Players vom Windows-Betriebssystem sei eine „gefährliche Entwicklung“, die andere Firmen alarmieren müsse. Und die Verpflichtung für Microsoft, seine Quellcodes für die Server preiszugeben, berge große Risiken für die geistigen Eigentumsrechte auch von kleinen Software-Entwicklern.

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