Milliardengeschäft Musikspiele
Couch-Rocker jubeln auch bei alten Hits

Obwohl neue Ideen fehlen, können sich die Hersteller auf ein gutes Weihnachtsgeschäft freuen.
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DÜSSELDORF. Eddie Riggs ist ein armes Schwein. Jede Rockbühne baut der Vollblut-Roadie blind und mit einer Hand am Rücken auf und ab. Heavy Metal ist sein zweiter Vorname und Hardrock nicht Musik, sondern Lebenseinstellung. Sein Problem: Er hat die goldenen 80er-Jahre verpasst und tingelt heute mit einer Popband umher, die so spielt, als ob sie Dieter Bohlen persönlich geklont hätte. Ein Bühnenunfall schleudert ihn jedoch bei einem dieser Weichei-Auftritte in eine bizarre Parallelwelt, in der das Feuerbiest Ormagöden die Menschheit unterdrückt.

Eddie holt zum akustischen Gegenschlag aus. In einem furiosen Heavy-Metal-Feldzug mit 107 Soundtracks bekannter Bands, schrägen Freunden wie Ozzy Osbourne und Armeen von Headbangern überrennt er, bewaffnet mit einer magischen Gitarre, die gegnerische Bühne des Bösen.

Brütal Legend heißt das Spiel, für das man die speckige Lederjacke nach 20 Jahren wieder aus dem Keller zerrt und ein Six-Pack billiges Bier in den Kühlschrank haut. Die Mischung aus epischem Rollenspiel, schrägem Humor und bizarren Phantasiewelten wie aus dem Pinsel eines Hieronymus Bosch ist der Versuch einer Antwort auf ein Spielegenre, das sich in der Sackgasse befindet. Musikspiele waren 2008 die drittwichtigste Kategorie der Branche nach Action- und Sport-Games. Aber jetzt will der Funke trotz prominenter Neuerscheinungen wie "The Beatles: Rockband" oder "Guitar Hero 5" nicht richtig überspringen.

"Musik- und Tanzspiele haben allein im Oktober einen massiven Rückgang gegenüber dem Vorjahr gesehen", sagt US-Analystin Anita Frazier von der NPD Group. Nahmen die Hersteller im Vorjahresmonat noch 137 Mio. Dollar damit ein, so waren es ein Jahr später nur 53 Mio. Dollar. Brütal Legend von Electronic Arts schaffte es nicht einmal unter die Top Ten in den USA, ebenso wenig wie die Simulation DJ Hero von Activision.

Das Problem: Im Kern sind die Games - Brütal Legend ausgenommen - immer gleich. Die Spieler müssen mit ihrem Eingabegerät vorgegebene Töne auf einen Sekundenbruchteil genau treffen oder Liedtexte passend ins Mikrofon singen. Nur so gewinnen sie Punkte und kommen dem Ziel näher, ein Superstar zu werden.

Der große Hype ist schon vorbei

Das gilt für ein grafisch opulentes Guitar Hero ebenso wie für das simple iPhone-Programm Tap Tap Revolution. "Das ist nicht mehr der Hype wie zu Zeiten der Playstation 2", räumt Oliver Kaltner, bei Microsoft Deutschland für die Xbox-Konsole zuständig, ein. "Aber natürlich muss man weiter präsent sein, wenn man den Anspruch erhebt, ein Unterhaltungsmedium zu verkaufen." Damals feierte "Singstar" für die PS 2 große Erfolge. Sony-Chef Uwe Bassendowski will das konservieren und positioniert die angestaubte PS 2 für Weihnachten als Karaokemaschine neu. Schwache Grafik, aber ein Preis von unter 100 Euro. Das, ein Mikrofon und alte Gassenhauer - schon ist die Feier nach Mitternacht perfekt.

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