Mitmach-Plattform
Wenn der Schäuble twittert

Twitter sorgt in der Internet-Szene für Begeisterung. Der Online-Kurznachrichtendienst unterhält seit Wochen die Nutzer – mit scheinbar persönlichen Eindrücken aus dem Innenminister-Leben von Wolfgang S.. Die Kurznachrichten schreibt Schäuble natürlich nicht selbst. Auf der Mitmach-Plattform karikieren ideenreiche Internetnutzer Manager und Politiker.

DÜSSELDORF. Es ist hart, das Leben eines Innenministers. „Muss noch Michèle Alliot-Marie anrufen, zwei Pfund Kaffee kaufen, dem Hanning das neue Ausländerrecht zufaxen, zur Maniküre, meine Güte“, schreibt Wolfgang Schäuble. Und dann der Ärger über Kabinettskollegen: „Warum nennt der Jung seine Flugzeuge nicht ,Sonnenschein’? PR-Stümper. ,Sonnenschein über der Ostsee’ statt ,Tornados über der Ostsee’“. Im Online-Kurznachrichtendienst Twitter sind diese Zeilen zu lesen. Natürlich schreibt sie nicht Schäuble selbst.

Hinter der Politiker-Karikatur steckt der freie Journalist Matthias Oborski: „Twitter ist der Gipfel der Banalität – da dachte ich: Das passt gut zu Politikern.“ Mehr als 140 Zeichen, also die Länge einer SMS, sind bei Twitter nicht möglich. Trotzdem erfreut sich der Dienst in der Internet-Szene reger Begeisterung.

Oborski ist nicht der einzige, der sich im Web über einen Prominenten lustig macht. Die Anmeldung bei Internet-Diensten ist so einfach, dass es juckt, sich über die Großkopferten lustig zu machen. So twittert auch eine virtuelle Kanzlerin Erlebnisse wie: „In der Kantine eben gedacht der Wallraff sitzt neben mir. War aber doch nur der Gysi mit Sonnenbrand.“ Der Autor der Twitter-Merkel möchte seinen Namen nicht preisgeben, sagt aber: „Ich finde es einfach lustig.“ Angst, ob das Folgen hat? „Ich bin gespannt, wann Stasi 2.0 zuschlägt, und mein Account geschlossen wird.“

Noch durchdachter: das Weblog „The Secret Diary of Steve Jobs“ (http://fakesteve.blogspot.com). Hier gibt ein virtueller Apple-Chef so unterhaltsam den Jobs, dass die Web-Szene im Silicon Valley seit Wochen rätselt, wer dahinter steht – bisher ohne Erfolg. Unter den meist verlinkten Blogs belegt Fakesteve laut dem Statistikdienst Technorati weltweit Rang 857 von über 70 Millionen.

Auch bei der von Teenagern dominierten Plattform Myspace wimmelt es von Promi-Imitaten. Sogar Rupert-Murdoch-Fälschungen gibt es, obwohl Myspace zu seiner News Corp. gehört. „Rupert wollte, dass wir nichts löschen – er findet das lustig“, sagt Travis Katz, als Vize-Präsident zuständig für das Auslandsgeschäft von Myspace.

Rechtlich müssen sich die Autoren keine Sorgen machen, sagt der Düsseldorfer Anwalt und Web-Rechtsexperte Udo Vetter: „Das ist wie mit Radiokarikaturen. Satire umfasst das Recht, sich als jemand anders auszugeben.“ Es dürfe nur nicht der Anschein erweckt werden, es handele sich wirklich um Schäuble & Co. Aus dem Bundesinnenministerium war auf Nachfrage keine Stellungnahme zu bekommen.

So wird der Twitter-Schäuble weiter schreiben, sagt sein Erdenker Oborski. „Es gab bisher nur eine Kritik – und die ist durchaus berechtigt. Ich füge Dinge aus der Privatsphäre Schäubles ein. Da kann man diskutieren, ob ich mich auf das Niveau des Gegners begebe. Aber wer Trojaner auf fremden PC einpflanzen lassen will, der muss mit so etwas leben.“ Die Ideen gehen ihm nicht aus: „Bloß wird es schwieriger, schon zuvor Getwittertes zu vermeiden. Ich verliere langsam den Überblick – so als Innenminister ohne Stab.“

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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