Nach Protesten
Mauerschützen-Spiel vorerst gestoppt

Die Karlsruher Hochschule für Gestaltung hat die Veröffentlichung des Computerspiels „1378 km“ abgesagt. Das Spiel, in dem Nutzer in der Rolle eines DDR-Grenzsoldaten auf Flüchtlinge schießen können, soll zu einem späteren Zeitpunkt mit einer begleitenden Diskussion erscheinen.
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BERLIN. Das an der früheren innerdeutschen Grenze spielende Serious Game „1378 km“ erscheint vorerst nicht. „Einem Teil der Presseberichterstattung und persönlichen Anschreiben an die Hochschule mussten wir entnehmen, dass sich durch das Spiel Opfer der Todesgrenze oder deren Angehörige verletzt fühlen. Die Leitung der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe bedauert das sehr“. So steht es in einer Erklärung, die unter anderem vom Philosophen und Rektor der Hochschule, Peter Sloterdijk, unterzeichnet ist.

Aus Sicht der Hochschule vermittelt 1378 km die Brutalität einer Grenze, die von einem undemokratischen Regime gegen seine Bürgerinnen und Bürger errichtet wurde. Das Spiel verharmlose diese Grenze in keiner Weise.

Vielmehr sensibilisiere es gerade eine junge Generation, die die innerdeutsche Grenze aus eigener Anschauung nicht kenne, für die Opfer von Todesstreifen und Schießbefehl, und für das Unrecht, das Menschen durch die Grenze und an der Grenze zugefügt worden sei. „Nichts anderes ist das Ziel dieses Spiels, das aus unserer Sicht einen hohen moralischen und künstlerischen Anspruch vertritt“, so die Hochschule.

1378 km sollte ursprünglich am 3. Oktober 2010 - dem 20. Jahrestag der Wiedervereinigung - kostenlos veröffentlicht werden. Gegen das Programm hatte es massive Proteste aus der Politik und von Opfern des DDR-Regimes gegeben. Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen, hat Anzeige bei der Berliner Staatsanwaltschaft erstattet. Die soll prüfen, ob 1378 km Gewalt verherrlicht.

Zuletzt hatten sich der kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen und der Obmann der Arbeitsgruppe Kultur und Medien, Marco Wanderwitz, zu Wort gemeldet: „Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion verurteilt die Entwicklung des Computerspiels 1378 km, das eine virtuelle Jagd auf DDR-Flüchtlinge im Todesstreifen zum Ziel hat. Für uns ist diese makabere Spielidee eine unsägliche Verhöhnung der fast 1.000 Opfer an der innerdeutschen Grenze und ihrer Hinterbliebenen.“

Kommentare zu " Nach Protesten: Mauerschützen-Spiel vorerst gestoppt"

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  • Wenn denn ein "Spiel" welches die Thematik "ehemalige innerdeutsche Grenze" als Grundlage aufgreift überhaupt sein muss, warum dann nicht aus der anderen Sichtweise heraus?
    Aus der Sichtweise der Menschen, die alles daran gesetzt haben die "DDR" zu verlassen und unter Einsatz ihres Lebens versucht haben die Grenzsperranlagen zu überwinden.Viel Sinnvolles und Lehrreiches liesse sich in ein solches Spiel einbinden, angefangen vom abgelehnten Ausreiseantrag mit den daraus resultierenden Konsequenzen über die Fluchtvorbereitungen bis hin zur Durchführung der Flucht.
    Aber doch bitte nicht so wie hier geschehen!!!
    Es ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, daß ein Student einer Deutschen Universität- und mit ihm auch seine Dozenten- so etwas unmögliches, menschenverachtendes auf die beine stellt.
    Martin Schneider

  • irgendwas muß doch in unserem bildungssystem schief gelaufen sein. Wenn das die neue Leistungselite darstellt : Gute Nacht!

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