Nachgefragt: Balthasar Schramm
„Wir ziehen jetzt die Zügel an“

Handelsblatt-Redakteur Axel Postinett sprach mit Balthasar Schramm, Geschäftsführer der Sony Music Deutschland, über die gemeinsamen Online-Plattform der deutschen Musikindustrie.

Was ist das Besondere an der gemeinsamen Online-Plattform der deutschen Musikindustrie?

Erstmals werden nicht nur alle fünf großen Marktführer, sondern auch noch über 120 der kleinen Musikunternehmen mit ihrem gesamten Katalog online vertreten sein. Die Musik- Plattform ist offen für alle Zahlungssysteme und alle Digitalen Rechtemanagement-Systeme. Das hat es weltweit noch nie gegeben. Deutschland ist damit Innovationsführer im Markt.

Sind damit jetzt auch die brennendsten Probleme der Musikindustrie gelöst?

Sicher nicht automatisch. Allerdings ist das jetzt die längst überfällige legale Alternative zur Piraterie im Internet. Nur das alleine genügt noch nicht.

Was muss denn ihrer Meinung nach sonst noch passieren?

Wir werden jetzt erheblich aggressiver gegen Musikpiraterie vorgehen. Das konnten wir nicht guten Gewissens machen, solange wir keine legale Alternative angeboten haben. Sie können die Leute nicht einfach kriminalisieren, ohne ihnen zu zeigen, wie es auch anders geht.

Was bedeutet in dem Zusammenhang „agressiver"?

Wir werden Auskunftsersuchen bei Internetprovidern zu verdächtigen IP-Adressen stellen, um Anbieter und Konsumenten von illegaler Musik aufzuspüren und dann die Staatsanwaltschaften einschalten. Wir werden schlicht den Verfolgungsdruck erhöhen.

Bekommen wir also amerikanische Verhältnisse? Dort werden seit wenigen Wochen nicht nur Tauschbörsen, sondern auch Privatleute mit Schadenersatzklagen überzogen.

Ja, wir werden die Zügel massiv anziehen.

Ist die Online-Plattform also nur das Feigenblatt, das sie brauchten, um guten Gewissens die Jagd auf Musikpiraten eröffnen zu können?

Nein, wir wollen echtes Geschäft mit der Plattform machen. Apple hat gezeigt, wie es geht. Ich gehe davon aus, dass wir mehrere Millionen Tracks pro Jahr verkaufen werden. Der Anteil des Online-Umsatzes dürfte in der Branche auf 15 bis 20 % in wenigen Jahren ansteigen.

Die Online-Plattform wurde immer wieder angekündigt und verschoben. Immer gab es irgendwas, was nicht gepasst hat. Welche Lehren ziehen Sie für die Musikindustrie aus dieser Geschichte?

Dass wir nie mehr fünf Jahre brauchen, um ein neues Vertriebsmedium in Besitz zu nehmen. Das Neue ist keine Bedrohung, sondern eine Chance. Wir müssen halt immer noch schneller werden.

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