Nachgefragt: Nick Jones
„Wir werden bald überall online sein“

Das Handelsblatt sprach mit Nick Jones, Vice President des internationalen Marktforschungs-Unternehmens Gartner, über die mobile Zukunft. Die Fragen stellte Alexander Freisberg:

Als die UMTS-Lizenzen versteigert wurden, waren die Erwartungen hoch. Wieso haben sie sich bis heute nicht erfüllt?

UMTS wird mit der Entwicklung des Internets vor zehn Jahren verglichen: Jeder konnte relativ billig eine Website einrichten - das gab uns Gelegenheit, ein Jahrzehnt frei zu experimentieren und zu lernen, welche Geschäftsmodelle funktionieren. Im mobilen Internet fehlt diese Phase noch, denn die Barrieren liegen ungleich höher.

Welche Hauptbarrieren sind das?

Die Mobilfunkbetreiber machen es den Content-Anbietern schwer. Und bei den Betreibern selbst herrscht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was sie verkaufen wollen - nämlich Anwendungen wie MMS oder Telefonie, für deren Technologien sie teures Geld bezahlt haben - und dem, was die Leute wirklich kaufen wollen. Weitere Hindernisse sind die mangelnde Benutzerfreundlichkeit der Geräte, hohe Kosten und mäßige Suchmaschinen für das mobile Netz.

Fernsehen auf dem Mobiltelefon wird als erste Killer-Applikation gesehen, besonders zur Fußball-WM 2006. Ist das realistisch?

Nein. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Mehrheit über das Mobiltelefon fernsehen will. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Betreiber versuchen, ihre Technologie zu verkaufen, nur weil sie sie besitzen und nicht weil sie die Menschen wollen.

Welche Top-Anwendungen für UMTS erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Ich glaube nicht an Killer-Applikationen. Im Mobilfunkbereich haben wir keinen einheitlichen Markt, sondern eine Vielfalt an Mikromärkten, in denen für jeden Teilnehmer andere Applikationen wichtig sind. Wirtschaftlich gesprochen wird die Sprachkommunikation Top-Applikation bleiben, gefolgt von SMS.

Und was ist in zehn Jahren in der Mobilkommunikation möglich?

Wir werden täglich, ohne es zu merken, sechs oder mehr verschiedene drahtlose Netzwerktechnologien nutzen. Die Endgeräte werden Zugang zu verschiedenen Netzwerktypen bieten, schnellere Prozessoren und viele Gigabyte an Speicher haben. Kritisch bleibt die Stromversorgung und die Akkulaufzeit, aber hier werden Treibstoffzellen gebräuchlich, vielleicht sogar so exotische Technologien wie Mikroturbinen. Wir werden dann mobile Endgeräte von der Größe eines Kugelschreibers haben, die man bei Bedarf ausrollen kann.

Wie werden diese neuen Geräte unsere Geschäftswelt und unsere Gesellschaft verändern?

Der durchschnittliche Europäer wird mehrere drahtlose Geräte mit sich tragen, äußerlich sichtbar, oder etwa in intelligenter Kleidung. Er wird stets online sein und verbunden mit einem Web-Service. Dadurch lassen sich zum Beispiel Daten über den Gesundheitszustand kontinuierlich kontrollieren, etwa indem Kleidungsstücke Blutdruckwerte direkt an den Arzt schicken. Ich werde mich kaum noch verlaufen, da ich immer etwas bei mir trage, das Informationen über meinen Aufenthaltsort anzeigt. Die voll vernetzten Bürger werden ein Alptraum für Händler werden, da jeder Preis sofort online verglichen werden kann. Allerdings werden auch Datenschutz und Privatsphäre zunehmend erodieren und möglicherweise für immer verloren gehen.

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