Netzreaktionen auf Lobo
„Nicht das Netz ist kaputt, sondern der Mensch“

Deutschlands bekanntester Netzexperte Sascha Lobo rechnet in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ mit dem Internet ab. Von der Hoffnung auf mehr Demokratie und Teilhabe sei dank NSA und Datensammelwut nichts mehr übrig. Im Netz regt sich jetzt Widerspruch.
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DüsseldorfWenn in Deutschlands Polittalkshows über das Netz diskutiert wurde, durfte einer nicht fehlen: Sascha Lobo. Der Mann mit dem roten Irokesenschnitt sprach gerne und viel über den positiven Nutzen des Internets. Mehr Transparenz, mehr Demokratie, mehr Teilnahme. Neben Auftritten bei Maischberger und Co. schreibt Lobo auf zahlreichen Internetseiten und veröffentlichte mehrere Bücher. Das Thema auch hier: Das Netz und sein Segen.

Doch Lobos Liebe zum Internet hat sich abgekühlt. Man könnte auch sagen: Die einstige Euphorie ist tiefer Enttäuschung gewichen. In einem Beitrag für das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ bekennt Deutschlands bekanntester Blogger jetzt sich geirrt zu haben. „Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe. Nicht das, wofür ich es halten wollte“, heißt es dort. Nach der NSA-Spähaffäre und der ausufernden Kontrolle von Nutzerdaten durch große Konzerne könne er seiner eigenen Lobrede nicht mehr glauben. Das Bild, dass die Digitale Bohème vom Netz hatte, habe mit der Realität nichts mehr zu tun, denn die hieße jetzt Totalüberwachung.

Dass der wohl bekannteste Internet-Experte Deutschlands seine Einstellung nun komplett überholte, dürfte nachhaltig für Wirbel sorgen. Eine Replik auf Lobos Thesen ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Auf Netzwertig kommentiert Martin Weigert, dass nicht das Internet kaputt sei, sondern der Mensch und seine Sucht nach Sicherheit. Denn der Nutzer sei es, der in seinem grenzenlosem Wunsch nach absoluter Sicherheit immer mehr Persönlichkeitsrechte zu Gunsten eines Überwachungsstaats zu opfern bereit sei. Vielleicht sei der Mensch auch einfach Netz-inkompatibel und verwandle es so zwangsläufig in ein Überwachungsinstrument, so Weigert weiter.

Auch auf Twitter widersprechen viele den Thesen Lobos. So meint Nutzerin Arigoforit: „Nicht das Internet ist kaputt. Sondern die Menschen. Seit Millionen Jahren schon. Andere Zeiten, andere Waffen, andere Idioten.“ Auch XiongShui meint, dass das Internet lediglich ein Spiegel der Welt sei: „Ergo gibt es im Netz alles, was es auch sonst gibt.“ Auch Ex-Umweltminister und Viel-Twitterer Peter Altmaier meldet sich zu Wort. Geht es nach ihm, braucht das Netz genau dieselben Schutzmechanismen wie Briefe oder einst die Telegraphie.

Auch Daniel Fürg von Social Secrets will Lobo nicht vorbehaltlos Recht geben. Denn wo sonst wäre Meinungsäußerung so leicht möglich, wie eben im Netz. Zudem könne man die heutige Situation auch als Chance begreifen: „Wir müssen versuchen, der Menschheit zu lehren, welche Möglichkeiten uns das Internet bietet und aufzeigen, warum es sich lohnt ebendiese zu verteidigen.“, schreibt Fürg. Auf Twitter sind es die Lobo-Repliken, die gerade die Runde machen. Fast so, als wolle man sich das Netz nicht schlecht reden lassen. Und vielleicht ist das ja der Anfang von einem neuen Internet-Optimismus, den Lobo sich eigentlich wünscht.

Kommentare zu " Netzreaktionen auf Lobo : „Nicht das Netz ist kaputt, sondern der Mensch“"

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  • Ein wenig finde ich diese Erkenntnis (bzw. die Verweigerung derselben) zum schmunzeln...
    In dieser, unserer schönen Welt gibt es einige wenige Dinge kostenfrei, aber, insbesondere wenn es aus den USA kommt, UMSONST??? Aus dem Mutterland des Kapitalismus? Wieviel Realitätsverweigerung ist eigentlich erlaubt, bevor es an Unzurechnungsfähigkeit grenzt?
    Hat jemand je für den Aufbau der Infrastruktur für's Internet (Leitungen, Server, Internetknoten etc.) eine Rechnung gestellt? Das war damals High-Tech und hat Unmengen gekostet... Und das soll irgendwer aus reiner Nächstenliebe investiert haben?

    Wie naiv muss man sein, das zu glauben?

    Nochmal: Einige wenige Dinge sind kostenfrei, aber nicht ist umsonst! Die Nutzung des Internets bezahlen wir mit der Aufgabe eines Teils unserer Persönlichkeitrechte.
    Wer daran Interesse hat, darüber nachzudenken bleibe jedem selbst überlassen...

  • "Denn der Nutzer sei es, der in seinem grenzenlosem Wunsch nach absoluter Sicherheit immer mehr Persönlichkeitsrechte zu Gunsten eines Überwachungsstaats zu opfern bereit sei." Das ist wohl völliger Unsinn! Wer beauftragt denn selbst Firmen, Staaten und Behörden, um sich stasiartig selbst überwachen zu lassen damit er selbst sicherer ist? Ich kenne niemanden, der sich freiwillig überwachen lässt und seine Persönlichkeitsrechte aufgibt. Würde man die Gemeinde der Internet User befragen und würden die Daten bei der Auswertung nicht manipuliert werden ist das Ergebnis sicher eindeutig. Niemand möchte, dass all seine Aktivitäten überwacht und aufgezeichnet werden - niemand.
    Ein Beispiel: Google verlangt allen Ernstes, dass bei der Verwendung einer Software, der Nutzer zustimmt, dass Google Informationen, aus vom Anwender selbst erstellten Dokumenten, verwenden darf! Da der Nutzer eines Android Gerätes mehr oder weniger auf solche SW angewiesen ist - muss er es Google erlauben! Es steht dem User nicht frei dies abzulehnen, wenn er die SW nutzen möchte. Das ist für mich Erpressung und Ausnutzung einer monopolähnlichen Stellung. Haben wir nicht ein Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Privatsphäre? Und wie kann es sein, dass Abmahnerfirmen einfach Downloads überwachen dürfen - vom Gesetzgeber genehmigt? Der Gesetzgeber, die Staaten, die (geschmierten?) Politiker bringen die Gesetze auf den Weg. Nicht der Bürger will das so - das ist Unsinn! Freiheit bedeutet möglichst wenig Regeln - Herrn Altmaier muss ich Recht geben. Es muss untersagt werden, dass alle Aktivitäten aufgezeichnet werden damit die Privatspähre nicht verletzt wird. Es gab einen eklatanten Paradigmenwechsel in Deutschland - früher wurde die "Rasterfahndung" verboten, heute ist sie aber vollständig legalisiert. Es kann doch nicht sein, dass ohne gerichtlichen Beschluss - wer auch immer - persönliche Daten überwachen darf. ODER? Als souveränder Staat können wir der USA nicht verbieten, dass sie uns überwacht?

  • Man sollte bei der Verweigerung anfangen "Deren" Privatgeld zu benutzen! Dazu gehört auch der Euro!
    Mit dem Gebrauch des Privaten Schuldgeldes gibt jeder Nutzer automatisch seine Souveränität ab! D.h. das wir heute schon ALLE "Deren" Sklaven sind!

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