Nintendo
Keine Angst, der will nur spielen

Nintendo – da denkt man unwillkürlich an den Gameboy, das Spielgerät aus den späten 80-er und frühen 90-er Jahren. Doch dann verblasste der Ruhm des japanischen Spielekonzerns. Der Unterhaltungs-Riese Sony und der Software-Gigant Microsoft setzten die Maßstäbe. Doch das Blatt hat sich gewendet.

SANTA MONICA. Nicht einmal ein kühler Japaner kann immer alle Emotionen unterdrücken. Die Erleichterung war Satoru Iwata förmlich anzusehen, als er am Mittwochmorgen unter dem Applaus hunderter Journalisten auf die Bühne der Stadthalle des kalifornischen Städtchens Santa Monica trat. Dieses Jahr ist die bedeutendste Messe der Branche, die „E3“, ganz alleine seine Show. Und lange hatte der Präsident von Nintendo auf diese Genugtuung warten müssen.

Wie oft hatte er zuvor unter mitleidigem Lächeln in Los Angeles die Revolution der digitalen Unterhaltung ausgerufen. Aber keiner wollte ihm glauben, dass eine schmalbrüstige „Wii“ genannte Konsole mit Bauklötzchen-Grafik und komischem Wedel-Controller den pixelprotzenden High-Tech-Boliden der Konkurrenz mit hochauflösendem Bild und der Leistung kleiner Supercomputer trotzen könnte. Lächerlich! Offen wurde von Analysten spekuliert, ob Iwata nicht doch besser aus dem Hardware-Geschäft aussteigen sollte, bevor er zwischen den Spieleriesen Sony (Playstation 3) und Microsoft (Xbox 360) zermalmt würde.

Aber die Kunden haben anders entschieden. Seit 33 Wochen ist die Wii in den Läden und seit 33 Wochen ist sie praktisch ausverkauft, während Stapel unverkaufter PS3 von Sony in den Gängen die Anlieferung des Nachschubs behindern. Selbst die Börsenkapitalisierung von Nintendo hat die von Sony erreicht.

Eine Branche ist wie elektrisiert. Die Menschen wollen ganz einfach nur spielen! Und zwar zusammen und Zuhause im Kreise der Familie. Frauen und Ältere kaufen verstärkt Nintendo-Konsolen. Vor zwei Jahren wurden die von tosendem Gejohle und Gekreische junger Fans begleiteten Nintendo-Pressekonferenzen nur als „der Kindergarten“ belächelt. Heute dominiert dezenter Applaus.

Und während große Softwarehersteller mit Macht versuchen, verlorenes Terrain aufzuholen und Microsoft noch immer ein Bekenntnis zur „Kernzielgruppe“ ablegt, ist Iwata schon wieder einen Schritt weiter: „Wii Fit“ heißt der jüngster Streich, den er zusammen mit dem kreativen Kopf hinter Nintendo, dem Spieledesigner Shigeru Myamoto, ausgeklügelt hat. Ein berührungssensitives Brett („Wii balance board“), das per Funk mit der Konsole verbunden ist, dient als elektronische Waage, aktives Trainingsgerät für Yoga, Aerobic, Gymnastik – oder zum Spielen. Später wird man wahrscheinlich die Trainingsergebnisse über das Internet mit Freunden vergleichen können, heute geht das schon innerhalb der Familie.

Iwata will sich immer weiter von der Siliziumschlacht zwischen Sony und Microsoft entfernen. Sie sind eigentlich nicht mehr die Gegner, an denen er sich mißt. „Wenn unsere Branche eine Zukunft haben will, dann muss irgend ein Familienmitglied mindestens einmal am Tag unser Gerät einschalten“, sagt er mit Blick auf die Konkurrenz aus dem Internet um die knappe Freizeit der Konsumenten. „Wir müssen einfach nur dazugehören.“ Der Mann will halt einfach nur spielen – und spielen lassen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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