Offene Software-Standards
Microsoft macht auf freizügig

Microsoft gilt nicht gerade als Freund des freien Wettbewerbs. Doch selbst der Software-Riese aus dem US-Städtchen Redmond muss der mit aller Macht vorpreschenden Open-Source-Bewegung Tribut zollen. Sein neues Office-Format verkauft Microsoft als offenen Standard – ein Schwindel, sagen Kritiker. Es scheint ein Streit um eine vermeintlich belanglose Norm zu sein. Und doch geht es um einen lange gehegten Traum vieler PC-Nutzer: ein einheitliches Format für Texte, Tabellen und Präsentationen.

DÜSSELDORF. Spätestens seit dem Siegeszug des Internets ist ein IT-Trend überdeutlich: Die zunehmende Verbreitung offen dokumentierter Formate wie HTML, PDF und XML. Für solche offenen Standards kann jedes Unternehmen und jeder Programmierer dank frei einsehbarer Spezifikation Software zum Lesen und Bearbeiten der Dateien schreiben. Einer hat sich dem Trend bisher erfolgreich entzogen: Quasi-Monopolist Microsoft. Ob Office-Formate, die Spieleschnittstelle DirectX oder die Netzwerk-Anbindung von Windows – die Spezifikation der eigenen Protokolle und Formate hält Microsoft geheim.

Die Folge solch verschlossener eigener Formate ist das Ausbleiben eines echten Wettbewerbs. Da nur Microsoft weiß, wie die eigenen Schnittstellen intern wirklich funktionieren, können Konkurrenten keine Software anbieten, welche beispielsweise Office-Dateien komplett fehlerfrei anzeigen und bearbeiten können. Als einziger Ausweg aus der Microsoft-Falle blieb bisher sogenanntes Reverse Engineering. Dabei wird versucht, der internen Struktur durch stupides Ausprobieren auf die Schliche zu kommen.

Microsofts Geheimniskrämerei ist vor allem deshalb ein Problem, da sich die Microsoft-Formate auf breiter Front als Quasi-Industriestandards durchgesetzt haben. Wer auf Alternativen wechseln möchte, leidet am Henne-Ei-Problem: So lange alle anderen Nutzer auf Microsoft-Produkte setzen, kommt man schlecht vom Software-Riesen weg, ohne sich zu isolieren. Die Abhängigkeit der Computernutzer von den so genannten proprietären Formaten nutzt der Konzern weidlich aus: Produkte aus dem Hause Microsoft kosten oft das Vielfache der Angebote der meist glücklosen Konkurrenz.

Vorsichtige Öffnung

Mit der Einführung von Microsoft Office 2007 verspricht der Konzern Besserung. Das „Open“ im Namen des neuen Formats Open XML deutet es schon an: Die Herren aus Redmond machen auf freizügig. Doch wirklich offen ist auch dieser Standard nicht: Aus Gründen der Abwärtskompatiblität, wie Microsoft sagt, enthält er viele ureigene Erweiterungen. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Die von Microsoft freigegebene Spezifikation sei so komplex, dass sie kein Mitbewerber vollständig implementieren könne, kritisiert Joachim Jakobs, Sprecher der Free Software Foundation Europe (FSFE). Ganze 6 000 Seiten lang ist der neue Microsoft-Standard. Mitbewerber würden in „Informationen ertränkt“, sagt Hartmut Pilch, Vorsitzender des Fördervereins für eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII). Gemeinsam mit der FSFE und anderen Organisationen protestiert der Verein mit einer » Petition gegen die Anerkennung des aus ihrer Sicht „kaputten“ Standards bei der International Organization for Standardization (ISO). Bis zum 2. September will die Normierungs-Stelle entscheiden, ob Office Open XML zum offenen Standard erklärt wird.

Die auf IT spezialisierte Normenstelle ECMA hat den Wunsch der Redmonder mittlerweile entsprochen und Open XML als Standard abgesegnet. Bei zwei anderen Standardisierungsgremium ist Open XML hingegen gerade durchgefallen: Sowohl das in den USA beheimatete International Committee for Information Technology Standards (INCITS) als auch Südafrikas Standardisierungsbüro lehnten das Microsoft-Begehren ab. Die Beschlüsse gelten als richtungsweisend für die bevorstehende Entscheidung der ISO im September.

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