Onlinelexikon
Gericht legt Wikipedia.de lahm

Statt Lexikoneinträgen finden wissenshungrige Internetnutzer derzeit unter Wikipedia.de lediglich eine knappe Erklärung der Herausgeber. Auslöser sind die Eltern eines verstorbenen Computergenies.

BERLIN. Durch eine vor dem Amtsgericht Berlin-Charlottenburg erwirkte einstweilige Verfügung wurde dem Verein Wikimedia Deutschland untersagt, von der Domain Wikipedia aus zu verlinken, heißt es auf Wikipedia.de. Wikipedia ist aber nach wie vor über  de.wikipedia.org zu erreichen.

Die Einstweilige Verfügung wurde von den Eltern des verstorbenen Hackers Tron erwirkt, wie Thorsten Feldmann von JBB Rechtsanwälte in Berlin gegenüber Handelsblatt.com bestätigte. Bereits Mitte Dezember waren die Eltern per Einstweiliger Verfügung gegen Wikimedia Deutschland zu Felde gezogen, um zu verhindern, dass der reale Name ihres Sohnes bei Wikipedia genannt wird. In Zeitungen war stets der Name Boris F. zu lesen – das Onlinelexikon schrieb den Nachnamen aus. Tron wurde 1998 erhängt in einem Berliner Park aufgefunden.

In der Hacker-Szene ist Tron eine Legende. Auch Jahre später hält die Diskussion über die angeblich mysteriösen Umstände seines Todes an. Bekannte hatten mehrfach geäußert, Tron sei umgebracht worden. Der Chaos Computer Club (CCC) in etwa, dem Tron angehörte, verkündet nach wie vor die Botschaft, dass es sich nicht um einen Freitod, sondern um Mord handelte. Tron sei Opfer des Geheimdienstes oder der organisierten Kriminalität geworden, heißt es dort. Allerdings konnten bislang weder potenzielle Täter noch stimmige Motive gefunden werden.

Tron war der Star der Szene – ein Genie und Meister, wie es auf der ihm gewidmeten Website tronland.org heißt. Zu Lebzeiten attackierte er kommerzielle Verschlüsselungssysteme wie Pay-TV und Telefonkarten. 1997 entwickelte er im Rahmen seiner Diplomarbeit eine neue Technologie, das so genannte „Cryptophon“, zur Verschlüsselung von Sprachtelefonie.

Die Einstweilige Verfügung der Eltern Trons gegen Wikimedia Deutschland mutet indes kurios an. Über Internetsuchmaschinen ist der bürgerliche Name des Hackers relativ schnell herauszufinden. Wikimedia rechtfertigt die Veröffentlichung des Namens mit der Begründung, dass es sich bei Tron um eine Person der Zeitgeschichte handele. „Gegen die Einstweilige Verfügung wird Wikimedia Deutschland Widerspruch einlegen“, sagte Thorsten Feldmann zu Handelsblatt.com.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
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