Opferverbände laufen Sturm: Wirbel um Mauerschützen-Ballerspiel

Opferverbände laufen Sturm
Wirbel um Mauerschützen-Ballerspiel

Ein Computerspiel zur innerdeutschen Grenze sorgt für Aufregung: Opferverbände laufen Sturm, weil Spieler in die Rolle eines DDR-Grenzsoldaten schlüpfen können, um auf Flüchtlinge zu schießen.
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HB KARLSRUHE. Ein Computerspiel über die innerdeutsche Grenze hat Diskussionen und Empörung ausgelöst. In dem Spiel „1378 (km)“ können die Spieler sowohl die Perspektive eines Republikflüchtlings als auch eines Grenzsoldaten einnehmen - der dabei schießen und den unbewaffneten Flüchtling töten kann.

Das an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe (HfG) entwickelte Spiel sei „ein Beitrag zur Enthemmung und Brutalisierung der Gesellschaft“ und bediene niederste Instinkte, kritisierte die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (Berlin) am Mittwoch. In einem Protestschreiben habe man sich daher an den Rektor der Hochschule, Peter Sloterdijk, gewandt.

Der Ego-Shooter versetzt bis zu 16 Spieler an unterschiedliche Abschnitte der 1378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze. Die Landschaftsdaten basieren auf Satellitenbildern. Spieler können im Jahr 1976 – dem Jahr mit den meisten Mauertoten – als Republikflüchtling antreten und müssen es dann bis nach Westdeutschland schaffen. Oder sie wählen die Rolle eines Grenzsoldaten der DDR und können dann auf den Flüchtling schießen oder versuchen, ihn zu verhaften.

Wahlloses Schießen erlaubt das Spiel nicht. Wenn der Soldat mehr als dreimal schießt, wird er aus dem Spiel genommen und muss sich in einem Mauerschützenprozess verantworten. Das Spiel soll am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, kostenlos zum Download erscheinen.

Der Spielentwickler, der 23-jährigen HfG-Student Jens M. Stober wollte sich zur Kritik zunächst nicht äußern. Zuvor hatte er erklärt, mit dem Spiel das Interesse der jungen Generation an der jüngsten deutschen Geschichte wecken zu wollen. Dazu sind zahlreiche Infotexte in das Spiel eingebaut.

Die Landesmedienanstalt Stuttgart hat inzwischen angekündigt, das Spiel prüfen zu wollen. „Wir werden uns das Spiel anschauen und es nach Kriterien des Jugendschutzes bewerten“, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Sollte es zu beanstanden sein, könne entweder eine Altersbeschränkung verhängt oder das Spiel auch ganz verboten werden.

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  • Sicherlich stimmt dieses Spiel einen nachdenklich, jedoch beweißt es auch wenn jemand sagt das dieses Spiel "perverser Natur" entstand, nicht objektiv und ohne Präjustiz urteilen kann. Für mich selbst hinterlässt dieses Spiel zwar einen faden beigeschmack, aber das Kern-Ziel dieses Spiels ist es nun mal dem Computerspieler, dass zu zeigen, was damals geschah. Denn die heutigen Generationen haben 0-Plan von dem was damals geschah und können es sich auch nicht im entfertesten vorstellen wie es damals in der DDR war. Dass die Opfer ungern an sowas, vorallem dann auch noch durch ein realistisches Computerspiel an sowas erinnert werden möchten ist natürlich nachvollziehbar, aber nicht jeder hat die DDR erlebt und so wie sich die Fakten des Spiels anhören, dient es auch nicht zum eigenen Vergnügen Menschen abzuschießen sondern ein Gefühl zu vermitteln wie grausam es manchmal damals zuging.

    Das Spiel selbst wird es allerdings ins internet schaffen, selbst wenn es verboten werden sollte. irgendein Student (auch wenn es nicht Herr Stober sein wird) wird es dann schon irgendwo hochladen und ab da an wird man es nicht mehr aus dem internet kriegen und das finde ich auch gut so!

    Was ein Herr Gauck anders machen würde als der jetzige bundespräsident? bei Herrn Gauck wäre ich mir nicht sicher, bei dem hätte ich es mir vorstellen können, dass er das Spiel sogar begrüßt - solange es in dem Spiel nicht um blutvergießen und Menschen niedermetzeln dreht. bei Herrn Wulff wäre ich mir allerdings nicht so sicher, der hatte ja auch schon die Schnapsidee Herrn Löw das bundesverdienstkreuz zu verleihen, für den dritten Platz bei der WM...

    Und wo wir schon gerade bei Politikern sind:

    Wir leben in einer Demokratie, wobei mir das heutzutage langsam aber sicher nicht mehr so vor kommt, und es kann einfach nicht sein das alles mögliche zensiert, im internet gesperrt wird und man sich nirgendswo mehr frei bewegen und seine Meinung sagen kann ohne gleich Post vom Anwalt zu erhalten - getreu dem Motto: Wir haben ja nichts besseres zu tun.

  • ich finde es seltsam, dass die hochschule dieses spiel unterstützt...es mag zwar lehrreich für den einen oder anderen sein, aber diese art der wissensvermittlung sollte überdacht werden...

  • Das Entstehen und ggf. Erscheinen dieses Spieles beweist, mit welcher sittlichen Reife, Sensibilität und bildung dieser Mensch (und die anderen Mithersteller in gleicher Weise) ausgestattet ist/sind und welche wertvolle Erziehung ihnen zuteil geworden ist: ich kann gut nachempfinden, daß mindestens die tausenden Mauer- und Flüchtlingsopfer und die Angehörigen der Familien, die durch Ulbrichts Mauer jahzehntelang getrennt und schikaniert wurden, diesen Typen als sittenloses widerwärtiges Dreckschwein bezeichnen würden und empfinden werden.

    Aber deutsche Gerichte werden mit Sicherheit seine Klage wegen beleidigung, Verunglimpfung und Rufschädigung annehmen und die beklagten zu entsprechenden Strafen und zu Schmerzensgeldern ab 2000 Euro aufwärts verurteilen - Ulbricht, Stalinismus, Menscherrechtsverletzungen und die Maueropfer hin oder her! Ein beispiel, das zeigt, daß man die deutschen Geschichte erfolgreich nutzen kann... bravo, vielleicht gehts noch perverser! Wäre Herr Gauck unser bundespräsident, so hätte er sich der Sache sicher persönlich angenommen und wenigstens eine passende öffentliche Stellungnahme abgeben. Herr Sloterdijk gehört auf die Straße gesetzt, wenn solche "Produkte" mit seinem Wissen und in seinem Hause hergestellt wurden, wie hier im o. a. Artikel verlautbart und beschrieben!

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