PC-Spiel
Von Morden und Töpferkursen

„Die Sims“ sind das erfolgreichste Computerspiel aller Zeiten. Allein im vergangenen Jahr hat Electronic Arts rund 500 Millionen Dollar mit Sims-Produkten umgesetzt. Doch während die Anhängerschaft die Lebenssimulationen ihrer Traumcharaktere beschwört, geißeln Kritiker das materialistische Wertesystem des Spiels. Szenen aus einem Paralleluniversum.

MOUNTAIN VIEW. Es war ein gemeiner, ein grausamer Mord. Während der Mieter ahnungslos im Swimmingpool plätscherte, entfernte der Hausherr hinterrücks die Leiter, die aus dem Wasser führte. Der Beckenrand war hoch, die Wände glatt. Scheinbar eine Ewigkeit suchte das Opfer nach einem Ausweg. Dann, viele Stunden später, das Ende – Tod durch Ertrinken. Und der Vermieter zeichnete alles auf.

Szenen aus dem wahren Digital-Leben des erfolgreichsten PC-Spiels aller Zeiten. „Die Sims“. Eine Lebenssimulation, eine komplette digitale Nachbarschaft auf der Festplatte. Sie gibt dem Spieler Macht über das Leben einer Familie und ihr Schicksal. Er gibt ihnen Wünsche und Ängste, baut Häuser und ebnet ihnen Karrieren. Oder er bringt sie um.

Die Sims haben Computergeschichte geschrieben – und ihre Schöpfer reich gemacht. Gerade ging das 100millionste Spiel über die Ladentheke – jedes kostet zwischen 20 und 50 Dollar. Alleine im abgelaufenen Finanzjahr hat Spieleverleger Electronic Arts rund 500 Mill. Dollar mit Sims-Produkten umgesetzt, bestätigt Nancy Smith, Herrin über die Sims beim kalifornischen Spielegiganten im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das ist fast ein Achtel des Konzernumsatzes und „ein absoluter Rekord“ im Jahre acht der Sims. Nur eine Spieleserie ist in verkauften Stückzahlen noch erfolgreicher: Wunder-Klemptner „Mario“ vom Konkurrenten Nintendo.

„Die Sims“ sind schon da, wo Online-Welten wie „Second Life“ gerne hin möchten. Sie sind die Reinkarnation des Tamagotchi in Menschengestalt mit einer treuen, millionenstarken Anhängerschaft. Die Welt der Sims hat Künstler zu Ölbildern inspiriert. Es gibt tausende von Videos über ihr Leben auf Youtube. Sie tanzen in aufwändig inszenierten Musikvideos oder spielen Filmklassiker nach. Die schwedische Bekleidungskette H&M hat eigens eine Sims-Kollektion entwickelt – wer seine Bildschirmbewohner schick einkleiden will, ist für 19,99 Dollar dabei.

Doch die Sims-Gemeinde beschäftigt sich nicht nur mit Modefragen. Die Entdeckung des „Swimmingpool-Mordes“ löste 2001 heftigste Diskussionen aus. Ist es moralisch verwerflich, einen Sim, den man geboren und großgezogen hat, umzubringen? Mein-Sim-gehört-mir-Anhänger trafen auf Spielepazifisten. Philosophiedebatten unter Computerspielern – wer hätte das gedacht.

Seite 1:

Von Morden und Töpferkursen

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%