„PgUp“ und „PgDn“
Microsoft: Patent rauf, Patent runter

Microsoft ärgert die IT-Gemeinde: Das Softwareunternehmen aus Redmont hat 2008 ein Patent auf eine Vorgehensweise angemeldet, mit deren Hilfe der Bildschirminhalt mit einem Tastenklick um exakt eine Seite nach vorne oder hinten bewegt werden kann. Was früher als Staubkorn in der Wüste der Patentanmeldungen untergegangen wäre, löste diesmal heftigste Reaktionen aus.

SEATTLE. Genießen Sie es, so lange es noch kostenlos ist. Der Mittelfinger der rechten Hand senkt sich auf das warme Plastik der Tastatur. Langsam und bedächtig, manchmal hart und schnell drückt er die "Bild Auf"- und die "Bild Ab"-Taste beim Blättern durch Dokumente jeder Art. Vom Liebesbrief bis zum Anwaltsschreiben, von der Treffer- bis zur Einkaufsliste. "PgUp", "PgDn" - seit über dreißig Jahren eröffnen uns zwei unscheinbare Plastikkappen im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder neue Seiten unseres Lebens. Aber den wahren Wert der Tasten werden wir erst noch erkennen. Denn jede Berührung könnte schon bald ein patentgeschütztes Ereignis auslösen.

US-Patentnummer 7 415 666. Niemand geringeres als Microsoft hat im Jahre 2008 des Herren das Patent auf eine Vorgehensweise erhalten, seitenweise organisierte Inhalte auf einem Bildschirm mit Hilfe exakt eines Tastenanschlags um exakt eine Seite vor- und rückwärts bewegen zu können. Ist das nicht genial? Und was sagt der Duden dazu? Ganz einfach: "Patent, das; Urkunde über das Recht, eine Erfindung alleine zu verwerten". Clever, man patentiert nicht die Kappe selber, sondern eine Art, wie Windows mit ihr umgehen wird, Standard auf 90 Prozent aller PCs.

Was früher als Staubkorn in der Wüste der Patentanmeldungen untergegangen wäre, löste diesmal heftigste Reaktionen in Internetforen und Blogs aus. Microsoft, an Kritik und Beschimpfungen durchaus gewöhnt, war selbst überrascht über die wütend geführten Diskussionen über Sinn und Unsinn mit teilweise Hunderten von Kommentaren. Eilig wurde betont, man habe keine Pläne, Lizenzen zu erheben und das Patent gelte nicht rückwirkend. Aber was man vorhat, das konnte der Riese aus Redmond auch nicht vermitteln.

Aber der Coup hat wohl das Fass zum Überlaufen gebracht in einer Zeit, in der einfach alles patentiert wird. Vom kleinsten Softwarecode bis zum Gencode auf Basmatireis oder Bohnen. Vertreter von Pharmafirmen streifen durch Indien und China, um alte Rezepturen aufzuschreiben. Die werden in den USA dann als Patent angemeldet.Das Patent auf die Bohnen wurde übrigens wieder aberkannt, nachdem es beinahe in Mexiko zu ernsten Unruhen in der Bevölkerung gekommen war.

Aber die Kritik am US-Patentsystem, das seine Reichweite immer weiter ausbreitet, steigt an. Es sei viel zu einfach, sich irgendetwas schützen zu lassen, lautet die Kritik. Das setze eine endlose Patentspirale in Gang, nach dem Motto "wenn ich es nicht schütze, macht es ein anderer - und verklagt mich". So was, ärgert sich Heiner Flocke, mittelständischer IT-Unternehmer und Vorstand des Patentverein.de, sind nur "überflüssige Zählpatente", die das Chaos vergrößern. "Das ist schon fast so, als ob ich mir das Umblättern einer Buchseite patentieren lasse."

Was "PgUp" und "PgDn" angeht, die besten Tage sind ohnehin gezählt. Die lagen in der Dos-Ära, als die PC-Maus noch nicht mal geboren war. Heute regieren "Scrollwheel" und Zeiger den Bildschirm. Aber als Zählpatent könnte der Tastencoup noch nützlich sein. 2006 hatte Microsoft nach 31 Jahren das 5 000ste Patent erhalten. Noch dieses Jahr soll die Marke 10 000 erreicht werden. Das zählt halt jede Kleinigkeit.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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