Polizei und Industrie in Deutschland gehen verstärkt gegen illegale Szene vor
Raubkopierer auf dem Rückzug

Wie ein Flickenteppich sieht der Boulevard Princesa im Madrider Studentenviertel Moncloa aus. Auf dem Gehsteig sind quadratmetergroße Decken mit den neuesten DVDs aus Hollywood ausgebreitet. Egal ob „Hostage“ von Warner Bros., „Hitch“ von Sony oder „Robots“ von 20th Century Fox.

HB DÜSSELDORF/MADRID. Kein großes Hollywood-Studio fehlt. Die illegalen Kopien sind der spanischen Polizei aber nur selten ein Dorn im Auge. Die Verletzung von Urheberrechten gehört zum tolerierten Alltag auf der Iberischen Halbinsel. In Deutschland hingegen schlagen die Behörden immer öfter gegen Film- und Musikpiraten zu. Erst am Mittwoch fanden zeitgleich zehn Durchsuchungen in Köln, Herne, im Landkreis Gifhorn, in Höxter und Bergisch Gladbach statt. Bei den führenden Köpfen der deutschen Raubkopierergruppe Flatline wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Diese professionellen Filmpiraten waren für die Veröffentlichung einer großen Zahl hochwertigen Ausgangsmaterials für die Herstellung aktuellster Kinostreifen verantwortlich. „Wir sind äußerst erfreut über die ständigen Bemühungen der deutschen Strafverfolgungsbehörden, Filmpiraten zu verfolgen und sie vor Gericht zu bringen“, sagt Dara MacGreevy, Direktor bei der Motion Picture Association.

Die Aktion in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Welttag des Urheberrechts am Samstag ist kein Einzelfall. Die Zahl der Durchsuchungen erhöhte sich bereits 2004 um mehr als die Hälfte auf 2 084. Das berichtet die Gesellschafter zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), der alle großen Filmfirmen, Kopierwerke und Unterhaltungs-Softwareunternehmen angehören.

„In Europa gibt es eine sehr unterschiedliche Bekämpfung von Raubkopierern“, bilanziert GVU-Geschäftsführer Joachim Tielke. In Deutschland hingegen zeichnet ein erster Silberstreifen im Kampf gegen das illegale Kopieren von Musik-CD, DVD, Video- und Computerspielen, Hörbüchern und Fachliteratur ab. „Es vermehren sich die Zeichen, dass die Raubkopierer auf dem Rückzug sind“, stellt der frühere Kripobeamte Tielke fest. Auch der langjährige Ex-Chef von 20th Century Fox Home Entertainment in Deutschland, Bodo Schwartz, ist optimistisch: „Wir sind guter Hoffnung, dass wir das Problem eindämmen können.“

Der Erfolg in Deutschland kommt nicht von ungefähr. Polizei und Gerichte sind auf Druck der Entertainmentbranche sensibilisiert. Damit die Polizei zugreifen kann, leisten die Firmen intensive Vorarbeit. „Die Zusammenarbeit läuft ausgezeichnet“, bestätigt Tielke.

Im Gegensatz zu Großbritannien oder Spanien ist die Bekämpfung des illegalen Kopierens von Kinofilmen, Spielen oder gar Hörbüchern in Deutschland wesentlich einfacher. Während englisch- und spanischsprachige Länder mit illegalen Importen aus Asien und Lateinamerika überschwemmt werden, schützt die deutsche Sprache den hiesigen Markt. „Das Bildmaterial aus den USA zu bekommen ist relativ einfach, aber nicht den deutschen Ton“, weiß ein Insider. Deshalb kommt auch das Gros der Urheberrechtsverletzungen aus dem eigenen Land.

Als hilfreich hat sich auch der Werbefeldzug gegen die Verletzung von Urheberrechten entwickelt. Nach einhelliger Meinung in der Branche ist das Unrechtsbewusstsein vor allem bei jungen Konsumenten deutlich gestiegen. Das gilt aber nur für Film und Musik. Bei Fach- und Wissenschaftszeitschriften gilt das illegale Kopieren oft noch als Kavaliersdelikt. Das Verschicken teurer Spezialzeitschriften als Textdatei per E-Mail macht vor allem Kleinverlagen zunehmend zu schaffen.

Der Schaden durch Piraterie ist groß. Nach Angaben der GUV belief er sich im deutschen Filmmarkt auf rund eine Milliarde Euro im vergangenen Jahr. Trotz der Erfolge macht sich die Unterhaltungsindustrie aber keine falschen Hoffnungen. „Das Ziel, dass es irgendwann überhaupt keine Raubkopien mehr gibt, ist illusorisch“, sagt ein Medienjurist. „Für uns ist es schon ein Erfolg, dass wir das Wachstum bei den Raubkopien stoppen können.“

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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