Präsentations-Software
Wie Powerpoint die Produktivität killt

Die Präsentationssoftware von Microsoft hat im Unternehmensalltag einiges verändert. Doch die Folgen sind bei weitem nicht nur gute. Der Verlust der guten alten Gesprächskultur ist nur einer der vielen Nachteile.
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Aus der Feder des Kunsthistorikers Neil Mac Gregor stammt eine eindrucksvolle „Geschichte der Welt in 100 Objekten“. Der Direktor des Britischen Museums beschäftigt sich überaus intelligent mit der Frage, welche Dinge das Leben der Menschen geprägt und welche ihre Sicht auf die Welt über die Jahrtausende hinweg nachhaltig verändert haben. Seine Liste reicht von einem afrikanischen Faustkeil bis zu einer modernen Solarlampe aus China. Sollte ein anderer Historiker diese Arbeit in 30 Jahren fortschreiben, dann gehört meiner Meinung nach unbedingt ein Software-Programm auf die Liste: Powerpoint.

Die Präsentationssoftware von Microsoft hat nicht nur den Unternehmensalltag vollständig verändert. Sie berührt auch nachhaltig die Denkmuster der Menschen, die mit ihr arbeiten, und verführt sie zu einer besonderen Art, Probleme zu gliedern und zu analysieren. Selbst die moderne Bildwelt in den heutigen Print- und Onlinemedien bedient sich der kleinteiligen Powerpoint-Ästhetik. Und da alle jungen Menschen, die heute in die gehobene Berufswelt einsteigen, sofort jede Menge Folien basteln, kann man getrost die Prophezeiung wagen: Diese frühe Prägung wird Folgen haben - und zwar keineswegs nur gute.

Seit Microsoft vor genau 25 Jahren von einem kleinen Anbieter die Rechte an dem Programm erwarb, verbreitet sich Powerpoint mit Lichtgeschwindigkeit um den Erdball. Auf mindestens 250 bis 300 Millionen Computern läuft die Software heute offiziell. Hinzu kommen wahrscheinlich noch viele Millionen Raubkopien, die niemand so richtig zählen kann. Ein Medienforscher sprach schon vor fünf Jahren von 35 Millionen Präsentationsvorlagen mit insgesamt mehr als zehn Milliarden Einzelblättern, die jedes Jahr mit Powerpoint erstellt werden. Inzwischen dürfte diese Zahl geradezu explodiert sein. Aus dem Alltag großer Unternehmen ist die Software nicht mehr wegzudenken. Sie ist so selbstverständlich geworden, dass sich niemand mehr Gedanken über den eigentlichen Nutzwert der Folienproduktion und ihre wirklichen Kosten macht.

Mindestens vier gravierende Nachteile zeichnen sich jedoch in den großen Konzernen eindeutig ab: Erstens verlernen moderne Manager, die sich ständig an ihren Präsentationen entlanghangeln, vollständig die Fähigkeit zur freien Rede und zum ungestützten Verkaufsgespräch. Zweitens verführt die ständige Anfertigung neuer Folien, die sich in der Regel aus Versatzstücken vorheriger Präsentationen zusammensetzen, zum Verzicht auf die stringente Analyse jedes Einzelfalls. Drittens reduziert die fortlaufende Produktion immer neuer Präsentationen tendenziell die Zeit für den echten Kundenkontakt: Auf die Herstellung der Folien entfällt mehr Zeit als darauf, sich Wünsche und Probleme der Geschäftspartner anzuhören. Und viertens: Präsentationen werden zum echten Produktivitätskiller, wenn sie auch den inneren Ablauf eines Unternehmens dominieren. Ich präsentiere dir, du präsentierst mir, wir alle präsentieren uns ständig gegenseitig. Und da wir mit unseren Präsentationen selbstverständlich glänzen wollen bei den Chefs, verbringen wir viel zu viel Zeit damit, sie zu perfektionieren.

Verloren geht in manchen Unternehmen fast vollständig das, was man altmodisch „Gesprächskultur“ nennt. Dabei ist sie im Geschäftsleben eigentlich das Wichtigste - nach innen wie nach außen. Wie schrieb der amerikanische Management-Papst Peter F. Drucker zu Recht: „Das Wichtigste in einem Gespräch ist, zu hören, was nicht gesagt wurde.“

Kommentare zu " Präsentations-Software: Wie Powerpoint die Produktivität killt"

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  • "Seit Microsoft vor genau 25 Jahren von einem kleinen Anbieter die Rechte an dem Programm erwarb, verbreitet sich Powerpoint mit Lichtgeschwindigkeit um den Erdball."

    Das sind etwa sechs Milliarden Erdumrundungen. Respekt. ;-)

  • Ich komme selbst aus der IT-Branche und viele Projekte wurden via Powerpoint präsentiert konnten aber nie umgesetzt werden. Gerade IT-Consultants wie McKinsey oder Accenture sind Meisterkönner der Powerpointfolien wobei die Ergebnisse selten so umgesetzt werden konnten.

  • Sehr geehrter Herr Bernd Ziesemer,

    mit diesem fulminanten Aufsatz sprechen Sie mir tief aus der Seele. Herzlichen Dank dafür!

    Nach meiner Wahrnehmung wird die von Ihnen schlüssig dargestellte Formatierung des eigenen Denkens und Handelns in unseren Managementkreisen viel zu wenig beachtet.

    Auch im Unternehmensalltag chinesischer Vorzeigeunternehmen, mit in USA oder Europa ausgebildetem Management, sind Powerpoint-Präsentationen nicht mehr wegzudenken.

    Gleichwohl blieben bislang detaillierte Einzel-Analysen und eine nicht von Eile getriebene Gesprächskultur erhalten ... einer von vielen Wettbewerbsvorteilen ??

    beste Grüsse
    Oeconomicus

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