Provider gar nicht begeistert
Verisign will Tippfehler vergolden

Wer eine ungültige Webadresse eingibt, wird raffiniert auf Werbeseiten im Netz gelenkt. Der Trick ist eigentlich nicht neu. Doch der Internet-Anbieter Verisign geht noch ein Stück weiter.

Seit einigen Tagen bekommen Websurfer, die in ihren Browser eine nicht existierende Adresse eingeben, die auf .com oder .net endet, keine Fehlermeldung mehr. Sie landen statt dessen auf einer schlicht gestalteten Seite mit einem Suchfeld und rubrizierten Linklisten von "Autos" und "Computer" bis "Small Business" und "Travel". Die Suchseite heißt sitefinder.verisign.com.

Oberflächlich betrachtet, ist das nichts Neues. Benutzer des Internet Explorer sind es gewohnt, bei Syntaxfehlern in der URL-Zeile auf die Suchseite des MSN-Netzwerks umgeleitet zu werden. Aber der Sitefinder geht viel weiter. Während die Umleitung fehlerhafter Anfragen nach MSN nur mit dem Internet Explorer funktioniert, gilt die Umleitung von nicht vorhandenen .com- und .net-Adressen auf den Sitefinder von Verisign für alle Browser. Denn Verisign ist Registrar für .com und .net und betreut zwei von 13 Root-DNS-Servern, welche die oberste Autorität bei der Auflösung von Internet-Namen in Netzwerk-Adressen sind. Darüber hinaus zählt die Firma zu den den größten Anbietern von signierten SSL-Zertifikaten, ohne die kein E-Commerce funktionieren kann.

Cleveres Geschäftsmodell...

Mit Fehlern anderer war schon immer gut Geld zu verdienen. Microsoft hat vorgemacht, wie man aus den vielen Vertippern nervöser Surfer jede Menge Traffic auf eigene Angebote lenken und diese dann vermarkten kann. Auf der Suchseite search.msn.de lachen einen reichlich Werbebanner an - oft mit einer weiterführenden Suche zu dem Text, den der Anwender eingegeben hatte. Hat er etwa aus Versehen nur briefmarken statt http://www.briefmarken.de geschrieben, bekommt er Briefmarken-Bücher, Briefmarken-Auktionen, Briefmarken-Webites und sogar Münzen angeboten.

Zu den Top-Level-Domains .com und .net laufen täglich ca. 9 Mrd. DNS-Anfragen. Wenn nur ein Prozent davon Tippfehler sind, dann laufen mehrere Millionen Klicks ins Leere - oder auf die Server von Verisign zwecks Weitervermittlung an die passenden Werbekunden. Auch wenn ein Sprecher von Verisign gegenüber dem Wall Street Journal erklärte, man habe nur die Nutzerfreundlichkeit im Blick - die Aussicht auf ein lukratives Zusatzgeschäft dürfte für Verisign ausschlaggebend gewesen sein, den Sitefinder trotz heftiger Kritik zu starten.

... mit Nebenwirkungen für andere

Die Kritiker des Verisign-Modells sitzen in der Internet-Verwaltungsorganisation Icann und bei zahlreichen Providern. Ihre Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Denn seit Verisign fehlerhafte Nutzereingaben auf eigene Seiten umlenkt, kann aus den Fehlern praktisch nicht mehr gelernt werden. Vor allem bei der mühsamen Arbeit, Spam-Mails auszusortieren, war es bisher sehr hilfreich, zu wissen, ob ein DNS-Name gültig ist oder nicht: Ungültige Absender-Adressen konnten so mit einem DNS-Lookup leicht ermittelt und die zugehörigen Mails gefiltert werden. Das ist für .com- und .net-Domains nicht mehr möglich, seit hier jede DNS-Anfrage zu einem gültigen Ergebnis führt. In einem technischen Sinn "gehören" jetzt alle ungültigen DNS-Namen zu Verisign.

Der Entwickler der Internet Software Consortium ISC, die den mit Abstand meist genutzten DNS-Server BIND herausgeben, haben bereits einen Patch für ihre Software entwickelt, der dafür sorgt, dass ungültige .com- und .net-Adressen wieder die vorgesehene Fehlermeldung produzieren statt auf die Sitefinder-Site umgelenkt zu werden.

Man darf gespannt sein, wie dieses Tauziehen ausgeht. Wenn die Provider ihre DNS-Server auf die gepatchte BIND-Software umstellen, dürfte das neue Geschäftsmodell für Verisign gestorben sein.

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