Prozess gegen Manning
Der schmächtige Staatsfeind Nummer eins

Held oder Verräter? Der junge US-Soldat Bradley Manning soll Hunderttausende Geheimdokumente bei Wikileaks hochgeladen haben. Jetzt stand er erstmals vor einem Militärgericht. Ein Besuch im Gerichtssaal von Fort Meade.
  • 7

Fort MeadeDer US-Militärstützpunkt Fort Meade ist eher eine Kleinstadt als eine Kaserne. Mit Kirche, einem Museum, einem Burger King und bunten Kinderschaukeln in den Vorgärten. Ein eingezäuntes Idyll, hineingepflanzt in die Wälder von Maryland, 40 Kilometer nordöstlich von Washington. Etwas abseits ragen die Antennen und pilzförmigen Abhörstationen des Geheimdienstes NSA hervor, der hier seinen Sitz hat und von hier aus die ganze Welt belauscht. Eine Behörde, der man seit dem Thriller „Der Staatsfeind Nummer eins“ so ziemlich alles zutraut.

In einem Backsteinbau, nicht weit von dem verglasten NSA-Hauptgebäude entfernt, sitzt der aktuelle Staatsfeind Nummer eins auf der Anklagebank und hat die Hände umklammert. Der Obergefreite Bradley Manning trägt eine schwarze Plastikbrille und ist so klein und schmal, dass er in seiner dunkelgrünen Army-Uniform zu verschwinden scheint. Er sitzt hier, weil er als mutmaßlicher Informant der Enthüllungs-Plattform Wikileaks einer der größten Geheimnisverräter der US-Militärgeschichte sein soll.

„Ja, Euer Ehren“ und „Nein, Euer Ehren“ ist das einzige, das er an diesem Donnerstag, dem ersten Tag vor einem Militärgericht, sagen wird. Für den 24-Jährigen steht viel auf dem Spiel: Der Staatsanwalt will die Anklage verlesen und Manning soll auf schuldig oder nicht schuldig plädieren. Vorbereitungen für den großen Prozess, der weltweit verfolgt werden wird. Die Vereinigten Staaten gegen Private First Class Bradley Manning.

„Erheben Sie sich“, ruft der uniformierte Gerichtsdiener, als Richterin Colonel Denise Lind den Saal betritt. Der schwere Teppich dämpft den Schall. An den dunklen Holztischen vor der Richterbank ist es voll: Manning hat neben seinem zivilen Anwalt David Coombs zwei Militärverteidiger bei sich, die Staatsanwaltschaft kommt zu dritt.

Ihr Verhandlungsführer, ein zackiger Mittdreißiger in blauer Uniform, braucht zehn Minuten, um durch die insgesamt 22 Anklagepunkte zu kommen. Darunter der Verstoß gegen Spionage-Gesetze und, noch schwerwiegender, Unterstützung des Feindes. Ein Kapitalverbrechen, schon allein deshalb droht Manning lebenslange Haft – von der Todesstrafe hatten die Strafverfolger abgesehen. 

Kommentare zu " Prozess gegen Manning: Der schmächtige Staatsfeind Nummer eins"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Dem Antrag isländischer Parlamentarier den Friedensnobelpreis für Manning auszuloben, können freiheitsliebende Menschen in aller Welt nur unterschreiben. Wir verteidigen sie zwar am Hindukusch. Jedoch wird es ungern gesehen, wenn von einer neuen ZEITenwende der Leibeigenschaft offen geschrieben wird. So werden mindestens zehn Millionen Menschen in diesem Lande unterdrückt und alle diese Schreie betroffener, werden bereits im Vorfeld erstickt, indem die Selbstverwirklichung infolge Abschiebung als "Prekariat" bezeichnet wird und demnach entsorgt werden. Seit 10 Jahren haben wir ein SGB II mit Folgen, die ein jeder kennt, an der aber in diesen Tagen niemand daran denkt, sie zu ändern. Die eine Partei, weil sie dies nicht ins Parlament eingebracht und die andere Partei, die Macht im Lande nicht inne hat.

    Was muß sich im Lande selbst ändern dürfen, wenn das auch noch systemrelevant und alternativlos hingenommen wird. Ich fürchte, die Demokratie wird jeden Tag mehr beschädigt. Offen und ohne Ende.

  • Und so wirkt die Bemerkung der Richterin wie ein schlechter Witz, als sie am Ende Manning darüber belehrt, dass auch dann verhandelt werde, wenn er nicht erscheine. (Zitat)

    Das sagt bereits alles über dieses Verfahren, immerhin sitzt Manning nicht in Guantánamo ein sondern in Maryland. Somit stellt zumindest eine Richterin Fragen und Bemerkungen an den Angeklagten. Manning sollte man jedoch schnellstens den Friedensnobelpreis verleihen, dann hätten zwei bekannte USA Bürger diesen inne, Obama und Manning! Eine interessante Kombination für die Welt mit der Frage, welcher von beiden verdient diese Auszeichnung nun mehr O oder M?

  • als soldat den zivilen ungehorsam zu praktizieren ist schon ein großes ding. wenn er der informant war und die informationen an wikileaks weitergegebn hat ist er strafrechtlich zweifelsfrei schuldig - aber menschlich-moralisch kann man das ganz anders sehen.
    die waffe "internet" wird wohl für die herrschenden dieser welt immer mehr zur bedrohung - die macht hat angst vor der öffentlichkeit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%