Prozesse
Internetbetrug: Dialer kosteten bis zu 45 Euro pro Minute

Autodialer, Exit-Traffic, Webhosts, Carrier: Wer dem Prozessauftakt um Millionenbetrug im Internet am Osnabrücker Landgericht am Donnerstag folgen wollte, musste schon Computerexperte sein. Trotz des für Laien schwer verständlichen Fachchinesisch ist dem Prozess bundesweite Aufmerksamkeit sicher.

Autodialer, Exit-Traffic, Webhosts, Carrier: Wer dem Prozessauftakt um Millionenbetrug im Internet am Osnabrücker Landgericht am Donnerstag folgen wollte, musste schon Computerexperte sein. Trotz des für Laien schwer verständlichen Fachchinesisch ist dem Prozess bundesweite Aufmerksamkeit sicher.

Die vier Angeklagten im Alter zwischen 26 und 37 Jahren sollen durch Betrug und Datenmanipulation an Computern mehr als zwölf Mill. Euro auf ihre Konten geschleust haben. Das macht den Fall zu einem der bislang größten Beispiele von Internetkriminalität in Deutschland.

Die vier Männer sollen zwischen Juli 2002 und Ende September 2003 auf Webseiten so genannte Dialer installiert haben. Das sind Einwahlprogramme, die den regulären Internetzugang beenden und den Rechner über teure 0190er-Nummern mit einem Server verbinden. Solange die Surfer über Warnhinweise über solche Dialer informiert werden und sie die Wahl haben zwischen Abbruch und Fortsetzen, ist das noch nicht strafbar, erläuterte Landgerichtssprecher Norbert Holtmeyer.

Allerdings sollen die Angeklagten im Laufe der Zeit diese Dialer verändert haben. Dann aktivierten sich die Einwahlprogramme unbemerkt für die Nutzer, sobald auf bestimmte Webseiten geklickt wurde. Außerdem warf Staatsanwalt Jürgen Lewandrowski den Angeklagten vor, die Dialer so programmiert zu haben, dass die Registratur der Rechner geändert wurde. Sobald ein Dialer mit einer bestimmten Signatur von einer Webseite aufgerufen wurde, erkannte ihn der Computer als sicher an, ohne den Surfer zu informieren. Laut Lewandrowski kostete das den Nutzer zwischen 1,83 Euro und bis zu mehr als 45 Euro pro Minute. Von den illegalen Verbindungen erfuhren die Opfer dann erst über eine hohe Telefonrechnung. Bei weitem nicht jeder stellte eine Anzeige, vielleicht aus Scham: Die Dialer wurden vor allem auf Pornoseiten versteckt.

Erste Äußerungen der Angeklagten bestätigten im Grundsatz die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Auch der Hauptangeklagte, ein 31 Jahre alter in Lettland geborener Deutscher, machte entgegen seiner ursprünglichen Absicht bereits am ersten Verhandlungstag eine Aussage. Allerdings bezeichnete sein Anwalt Ferdinand Dahlmanns die von der Anklage genannte Summe als „aberwitzig hoch“. „Wir werden versuchen nachzuweisen, dass die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft in Details nicht stimmen“, sagte der Verteidiger am Rande des Prozesses. Unklar sei zum Beispiel die Frage, von welchem Punkt an die Dialer illegal seien. „Zwischen legal und illegal gibt es eine Grauzone.“

Schon nach den ersten zwei Stunden des Prozesses wurde deutlich, dass im Internet nichts zufällig geschieht, und dass damit „eine Menge Geld zu verdienen ist“, wie einer der Angeklagten sagte. Der 26 Jahre alte Mann aus Paderborn kam als Experte für das gezielte Lenken von Besucherströmen auf Webseiten zu der Gruppe. Er räumte ein, von den Dialern gewusst zu haben und auch am Gewinn beteiligt gewesen zu sein.

Angesichts der vielen Fachwörter konnte sich der Vorsitzende Richter Dieter Temming oft ein Seufzen nicht verkneifen. „Bevor Sie beginnen, darf ich darauf hinweisen, dass die im Gericht gesprochene Sprache Deutsch ist“, forderte er den 26-Jährigen auf. Um überhaupt die Anklage zulassen zu können, hätten die Berufsrichter im Vorfeld einen Gutachter konsultieren müssen, sagte Temming. Insgesamt sollen bis Anfang September an den bislang zwölf geplanten Verhandlungstagen 19 Zeugen und drei Sachverständige gehört werden.

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