Qimonda
Preis gesenkt, Emission gerettet

Im August 2006 verkauft der Münchener Chiphersteller Infineon seine ungeliebte Tochter Qimonda. Ein paar Monate laufen die Geschäfte noch gut. Doch dann brechen die Preise für Speicherchips ein - und mit den Preisen auch der Aktienkurs von Qimonda.

MÜNCHEN. Der 8. August 2006 ist einer jener brütend heißen Sommertage, die sich in New York nur mit einer guten Klimaanlage aushalten lassen. Dass Wolfgang Ziebart ins Schwitzen kommt, liegt aber nicht an der Hitze in der US-Metropole. Der Besprechungsraum an der Wall Street ist gut gekühlt. Doch in der Runde, die der damalige Chef des Münchener Chipherstellers Infineon leitet, wird hitzig diskutiert.

Eine gewichtige Frage steht im Raum: Soll Infineon den Börsengang seiner Speicherchip-Tochter Qimonda absagen, weil die Investoren für die Aktien nicht so viel zahlen wollen wie erhofft? Oder die Emission mit einem Abschlag durchziehen? Während Ziebart mit seinem Finanzvorstand Peter Fischl, Qimonda-Chef Kin Wah Loh, einigen weiteren Managern und Bankern von der Wall Street verhandelt, laufen über den Ticker der Nachrichtenagenturen die ersten Meldungen, dass die Emission gestoppt werde.

16 bis 18 Dollar pro Aktie seien "fair und angemessen", hatte Ziebart im Vorfeld gesagt. Zu diesem Preis wollen ihm die Fondsmanager die Papiere aber beim besten Willen nicht abnehmen. Wochenlang hat Loh mit seinen Leuten Klinken geputzt, ist um den ganzen Globus gereist, um institutionelle Investoren von dem neu gegründeten Münchener Unternehmen zu überzeugen.

Am Schluss bleibt das Fazit: Die Fonds sind skeptisch, befürchten einen Preisrückgang im Geschäft mit Speicherchips, den sogenannten Drams. Diese kleinen elektronischen Bauteile stellt Qimonda her. Die Runde diskutiert deshalb ausführlich über einen Rückzieher. Der käme nicht ganz überraschend, denn in den Wochen zuvor hatten bereits 20 US-Firmen ihre geplante Emission in letzter Minute aufgegeben.

Nach mehreren Stunden hitziger Diskussion raufen sich dann aber alle Teilnehmer zusammen: Der Börsengang wird durchgezogen, wenn der Preis mit 13 Dollar auch deutlich unter den Vorstellungen von Infineon liegt. Zudem werden die Investoren nicht so viele Aktien abnehmen wie erhofft. "Niemand konnte sagen, ob sich das Börsenumfeld in den folgenden Monaten verbessern würde", erinnert sich ein Beteiligter. Deshalb habe Infineon sein strategisches Interesse, die ungeliebte Tochter los zu werden, über höhere Einnahmen gestellt.

36 Stunden später ist klar, dass dies die richtige Entscheidung war. In London geht der Polizei eine Bande von islamistischen Terroristen ins Netz, die Flugzeuge auf dem Weg nach Amerika in die Luft jagen wollten. Die Stimmung an der Wall Street verfinstert sich schlagartig, die Erinnerungen an den 11. September 2001 kehren zurück. "Da wäre an einen Börsengang über Monate gar nicht mehr zu denken gewesen", blickt ein Infineon-Manager zurück.

So aber steht der gebürtige Malaysier Kin Wah Loh am Morgen nach jener entscheidenden Sitzung, also am 9. August 2006, um neun Uhr auf dem Balkon des großen Saals der New York Stock Exchange (NYSE) und läutet die Glocke zum Handelsbeginn. Wie es sich für einen Börsengang an der Wall Street gehört, ist die Fassade der NYSE in die Firmenfarben gehüllt, gelb und lila. "Das Marktumfeld war schwieriger als erwartet", versucht Finanzchef Fischl derweil auf einer Pressekonferenz die enttäuschten Infineon-Aktionäre zu beruhigen.

Ein von den Strapazen der zurückliegenden Wochen gezeichneter Loh nimmt sich erst einmal ein paar Stunden frei und geht mit seinen Töchtern einkaufen in den Konsumtempeln New Yorks. Beim Abendessen in einem Steakhaus im Finanzdistrikt scherzt der Manager später mit den mitgereisten Reportern aus Deutschland. Das Ambiente ist einem Börsendebüt angemessen, findet das Dinner doch im alten Tresorraum einer Wall-Street-Bank statt.

Was Loh zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann: Die härteste Zeit steht dem Ingenieur erst noch bevor. Ein paar Monate laufen die Geschäfte in der Folge zwar noch gut, doch dann brechen die Preise für Speicherchips ein wie nie zuvor. Mit den Preisen geht auch der Aktienkurs von Qimonda in die Knie. An der ehrwürdigen NYSE ist QI, so das Börsenkürzel, heute nur noch ein Leichtgewicht. Die Marktkapitalisierung liegt bei mageren 632 Mill. Euro.

Mit einem solchen Absturz hat an jenen heißen Augusttagen vor zwei Jahren niemand gerechnet. Am wenigsten die Investoren, die für ihre Aktien damals immerhin 13 Dollar bezahlt haben. Derzeit kosten die Papiere gut 1,80 Dollar.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%