Reportage
Entgiftung für den Kopf

Computerspiele mögen noch so harmlos wirken, für viele können sie genauso wie Alkohol oder Glücksspiel zur Sucht werden. In Amsterdam hat nun die erste europäische Klinik für Computerspiel-Süchtige eröffnet. Dort kämpft ein Ex-Junkie gegen die Verlockungen der Cyberwelt. Eine Handelsblatt-Reportage.

AMSTERDAM. Tim hat es hinter sich, er hat es geschafft. Allerdings war es auch höchste Eisenbahn. „Ich spielte 17 Stunden am Tag. World of Warcraft, Ego-Shooter und Sportspiele“, erzählt der 21-Jährige aus Amsterdam. „Ich lebte in meinem Zimmer, nicht mal zum Pinkeln ging ich raus, sondern machte in eine Flasche.“ Er sitzt auf einem Sofa im Aufenthaltsraum. Seine Augenränder sind tiefschwarze Furchen, er ist stark übergewichtig.

„Ich hatte sechs Computer um mich herum, saß in der Mitte einer riesigen Kontrollstation aus X-Box 360, PlayStation 2, X-Box 1 und einem Game Cube, dazu ein Laptop und ein PC, an denen ich online mit anderen Gamern in der Welt von USA bis China spielte.“ Doch das alles ist jetzt vorbei. Tim ist einer der Ersten, die ein besonderes Entzugsprogramm durchgemacht haben. Das von Smith & Jones. In den Niederlanden hat das Unternehmen jetzt die erste Klinik in Europa für Computerspielsüchtige eröffnet.

Sie spielen, sie daddeln, sie hacken – bis zur totalen Erschöpfung. Nur noch diesen Rekord knacken. Unbedingt den nächsten Level erreichen. Nur spüren tun sie es nicht. Computerspieler, die süchtig sind – deren Welt nicht die ist, die uns umgibt. Nichts zum Anfassen, Schmecken oder Riechen, aber täuschend echt.

„Computerspiele sehen oft harmlos aus, sie können aber genauso süchtig machen wie Alkohol oder Glücksspiel“, sagt Keith Bakker (45), Direktor von Smith & Jones Addiction Consultants in Amsterdam. Mit seiner Klinik will er all jenen helfen, die ohne Joystick nicht mehr leben können, die den Weg aus der Cyberwelt, einer Parallelwelt, alleine nicht mehr zurückschaffen. Eine Welt, die im Trend liegt. Der Spielemarkt boomt. Laut einer Studie der DCF Intelligence, USA, werden bis 2011 etwa 13 Milliarden Dollar mit Computerspielen umgesetzt. 2006 rechnet DCF mit 114 Millionen Online-Spielern. Der Renner: World of Warcraft (WoW), ein Online-Rollenspiel, mit weltweit über sechs Millionen registrierten Benutzern.

Jeder kann WoW-Spieler werden, Talent für Tricks braucht man nicht. Dafür viel Zeit für die virtuelle Welt. Es gibt Postämter, Eisdielen, man bereist Kontinente, Geld muss verdient werden. Wirklichkeitsfremd müssen die Spieler aber auch Drachen töten und haben es mit plötzlich auftauchenden Fabelwesen zu tun.

Ein ganzes Heer von Programmierern entwickelt die Geschichte des Spiels täglich weiter. Es endet nie, man erwirbt ein Abonnement für zwölf Euro im Monat und spielt drauflos.

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