Rohrpost trotzt der Digitalisierung
Unterschätzte Luftnummer

Es bläst, pfeift und zischt - dann poltert die „Bombe“ in einen Korb. Im Innern der Kapsel liegen Krankenakten oder auch ganz normale Briefe.

dpa HAMBURG. Im Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Altona blasen Turbinen täglich hunderte von Rohrpostsendungen quer durch 20 Stockwerke. „Eigentlich hätte die Anlage letztes Jahr stillgelegt werden sollen, aber die Kosten-Nutzen-Rechnung hat dagegen gesprochen“, sagt Hans-Werner Hesse, der sich um das Röhrenlabyrinth aus dem Jahr 1969 kümmert.

In dem Krankenhaus münden 16 Rohrpostlinien in 70 Sende- und Empfangsstationen. Zusammen sind die Röhren länger als zwei Kilometer. „Eigentlich hätte die Rohrpost im Zuge der Digitalisierung überflüssig werden müssen, aber die Papiermengen steigen“, erklärt Hesse. Defekt ist die Anlage so gut wie nie. Manche E-Mail verschwindet im Daten-Nirvana oder kann gar nicht erst gelesen werden, weil der Rechner streikt.

Einer, der Rohrpostsysteme seit mehr als 30 Jahren installiert, ist der Hamburger Jens-Peter Arlt. Wenn der 60-Jährige von seinem Unternehmen erzählt, erntet er oft verwunderte Blicke. „Existiert ihr überhaupt noch?“ lautet die Frage, die Arlt regelmäßig hört. Dann erzählt er, was alles per Rohrpost transportiert wird. „Befördert werden nicht mehr nur Papiere, sondern auch Proben und Muster, die aus der Produktion ins Labor müssen.“ Mittelständler interessieren sich meist für Verbindungen zwischen Lager, Werkstatt und Büro. Junior Jens-Philipp (27) wird den Betrieb bald übernehmen.

Technisch ist mit der Rohrpost fast alles möglich: Weichen schicken die Kapseln computergesteuert zur richtigen Station, Überfahreinrichtungen verbinden Linien miteinander. „Acht Kilometer haben wir schon überbrückt und 20 Häuser miteinander verbunden“, erzählt Arlt. Spezialanlagen können selbst „Bomben“ mit einem Gewicht von zehn Kilogramm und einem Durchmesser von einem halben Meter transportieren. In Deutschland bieten drei große Firmen und rund ein Dutzend kleinere Betriebe Rohrpostsysteme an.

Gerne wirbt Arlt damit, dass seine pneumatischen Boten stumm sind: „Der Klönschnack, zu dem es kommt, wenn sich Kollegen etwas bringen, kostet doppelt.“ Belegstau ist ein anderes Zauberwort des Unternehmers: „Wichtige Unterlagen bleiben oft aus Faulheit liegen oder jemand scheut den Weg in ein anderes Gebäude, weil es draußen regnet.“

Für eine Rohrpost hat sich vor mehr als 20 Jahren auch die Stadtsparkasse Neumünster entschieden. 16 Stationen stehen in den Fluren des Hauptgebäudes, in dem 240 Menschen arbeiten. Auf jedem Scheibtisch ist ein rotes Lämpchen angebracht, das blinkt, wenn eine Sendung da ist. „Trotz E-Mail gibt es das papierlose Büro noch nicht“, sagt Hans-Jürgen Leptien aus der Organisationsabteilung der Stadtsparkasse. „Hier möchte keiner die Rohrpost missen, auch wenn wir wissen, dass wir Exoten sind.“

Transportiert wird in Neumünster alles, was es an Papieren zu verschicken gibt - und mehr: „Einmal kam eine Plastiktüte mit einem trockenem Brot an“, erzählt Leptien. Es dauerte einige Zeit, bis geklärt war, warum der Laib aus dem Rohr polterte: Jemand wollte dem Pferd einer Kollegin eine Freude machen.

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