Russische Software-Hersteller setzen sich durch
„Deutsche sind langsam, aber gründlich“

Alle haben es, aber kaum einer weiß es. So ist es mit Produkten der St. Petersburger Softwareschmiede Reksoft. Alle Handynetz-Betreiber setzen ein Netzqualitäts-Messsystem ein, das die Russen zu 60 Prozent für den Schweizerischen Telekomanbieter Ascom entwickelt haben und das die Schweizer nun an alle führenden Mobilfunk-Unternehmen vertreiben.

HB DÜSSELDORF. Unter anderem mit dieser Entwicklung ist Reksoft einer der führenden russischen Anbieter von Outsourcing-Software. Gut drei Millionen Dollar setzte die Firma damit im vorigen Jahr um, drei Viertel durch Aufträge aus dem Westen. Kunden sind heute beispielsweise Alcatel, Cadbury und Gillette.

Das Geschäft mit ausländischen Kunden sei schwer zu besetzen, sagt Alexander Jegorow, Gründer und CEO von Reksoft: "Die Konkurrenz aus Indien hat inzwischen eine perfekte Marketingmaschine", sagt er in fast akzentfreiem Deutsch. Deutsche Firmen sind seine Hauptzielgruppe: "Sie haben zu lange gewartet und ihre Kosten nicht durch Outsourcing gesenkt", sagt der 34-Jährige. "Wir sehen große Vorteile für russische Auftragnehmer bei deutschen Kunden." Vor allem, da inzwischen Tausende russische Ingenieure in Deutschland arbeiteten und so "Schnittstellen" zu den Softwareschmieden in ihrer alten Heimat seien.

Um deutsche Kunden zu gewinnen, hat Reksoft einen eigenen Deutschland-Vertreter. "Deutsche sind generell sehr langsam, die langsamsten Entscheider der Welt", hat Jegorow bemerkt - ohne das negativ zu bewerten: "Denn sie planen sehr genau und man kann sich am Ende völlig auf die Gegenseite verlassen." Bei italienischen Auftraggebern hingegen müsse man "zweimal hinterher mailen, vielleicht kommt dann was". Und bei den Schweden werde jeglicher Schriftverkehr breit gestreut, denn dort würden Kollektiventscheidungen getroffen.

Mittlerweile kämen deutsche Firmen verstärkt mit Aufträgen nach Russland, "aber wir müssen abwarten, ob das wirklich ein Massenmarkt für uns wird", sagt Jegorow. Insgesamt werde das Jahr 2004 für die russische IT-Wirtschaft "das Jahr des Durchbruchs" - in maximal drei Jahren werde dann klar sein, ob Russland in die Reihe führender IT-Nationen aufrücke oder nicht. Die Chancen dafür stünden laut Jegorow gut: Die Nicht-EU-Mitgliedschaft Russlands garantiere dauerhaft niedrigere Lohnkosten.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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