Shitstorm
Das Netz ist keine Toilettenwand

Das Internet hat eine eigene Form der Meinungsbekundung geboren - den Shitstorm. Im Netz kann jeder im Schutz der Anonymität schimpfen und agitieren. Die Regeln der realen Welt scheinen nicht mehr zu gelten.
  • 135

DüsseldorfAls am Mittwoch das Landgericht Leipzig den Chefprogrammierer des Raubkopie-Portals kino.to zu drei Jahren Haft verurteilt, beschließt die Internetgemeinschaft, dass für sie die Regeln des Miteinanders nicht mehr gelten. Anstatt das Urteil anzuerkennen, attackieren Hacker die Rechner von Justizbehörden, bis diese zusammenbrechen.

Als am Wochenende im Handelsblatt mehr als 160 Kreative, Werber, Regisseure wie Markus Lüpertz oder Franka Potente unter dem Schlagwort „Mein Kopf gehört mir“ für ein Recht am geistigen Eigentum im Internet werben, ergießt sich im Netz eine Welle von Beschimpfungen über sie, viele davon anonym. Genauso erging es vor einigen Wochen 51 „Tatort“-Autoren, die um Verständnis warben, auch künftig Geld für die Vervielfältigung ihrer Arbeit haben zu wollen. „Faules Künstlerpack“, rief ihnen die Netzgemeinde entgegen.

Internetaktivisten, denen der Rechtsstaat gleichgültig ist, Anonyme, die mit Beschimpfungen fehlende Argumente übertünchen, eine Szene, die mit Sprache zu überdecken versucht, dass sie keine inhaltlichen Ansatzpunkte in der Debatte findet: das Internet zu Beginn des Jahres 2012 ist eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte, aber auch eine Geschichte des grassierenden Wahnsinns.

Das Netz hat uns so viele Chancen eröffnet in den vergangenen Jahren, dass wir die Nachteile aus dem Blick verloren haben. Wir belächelten die Feinheiten der Internetpolitik als Angelegenheit für Nerds und schmunzelten über die Irren, die ihre Freizeit in Blogs, Videoportalen oder Foren verbrachten. Bis diese Nerds plötzlich in unseren Parlamenten saßen und Sachen forderten, von denen wir nie gedacht hätten, dass sie in einer Sozialen Marktwirtschaft mal jemand fordern würde. „Zensur!“ schreien sie, wenn immer sich Politiker mit dem Internet beschäftigen wollen. Sie fürchten den Eingriff des Staats in ihre Welt, von der sie behaupten, sie sei eine eigene Welt.

Kommentare zu " Shitstorm: Das Netz ist keine Toilettenwand"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Im Beitrag steht 60.000 Unterschriften gegen ACTA. Es sind aber 2,8 Millionen.
    Siehe da:
    https://secure.avaaz.org/de/eu_save_the_internet_spread/?slideshow

  • "Hinter jedem Bildschirm sitzt ein Mensch."
    In der Tat und hier liegt das Problem - es kann noch so viel Wert auf Netiquette, noch so viel moderiert und noch so viel appeliert werden - der Mensch ist das Problem. Die Bibel sagt: Aus dem Herzen des Menschen kommen hervor böse Gedanken... Lästerung usw. (Markus 7). Solange Menschen böse Gedanken hegen, sich schnell aufregen und keine Rücksicht auf andere nehmen, so lange wird das Internet auch noch einige Shitstorms überstehen müssen. Das Internet ist nur ein neuer Kommunikationskanal, bei dem der Charakter einiger Menschen offenbar wird.

    Nur eine echte Herzensänderung, die m.E. nach nur Jesus bewirken kann, wird dauerhafte Veränderung und Respekt bringen. (siehe Kolosser 3)

  • Leider kann ich den Verfassern dieses Textes nicht in allen Punkten Recht geben.

    Natürlich gibt es in der "normalen" Welt Regeln und Gesetze die wunderbar funktionieren, ein ganzer Teil von ihnen lässt sich auch Problemlos für das Netz verwerten, allerdings gehen manche Gesetzesentwürfe ala ACTA in so viel Richtungen, dass es normal ist, dass viele da gegen sind.
    Ich bin Unterzeichner der Petition, nicht weil ich Angst habe Musik und Filme nicht mehr Kostenfrei im Internet zu bekommen, sondern weil dieser Entwurf ohne jegliche Transparenz entworfen wurde.
    Außerdem erschwert ACTA die Medikamenten Beschaffung in Ländern der Dritten Welt, durch Verteuerungen auf Lizensbasis.

    Dann wiederum verstehe ich die Haltung einiger Unterhaltungsfirmen nicht, die das Internet aufgrund von Raubkopierern etc. nciht als Werbeplattform sondern ausschließlich als Feind betrachten, gebt eure Musik auf Youtube frei, und eure Verkaufszahlen werden steigen!

    Ich schreibe all dies als Leihe während meiner Schulzeit, Internet ist für mich ein zentraler Zeitvertreib, es muss Regeln geben, aber Verbote und Klagewellen werden das Internet nicht erziehen, geht als Vorbild voran und schafft Transparenz!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%