Skurriler Streit mit Amazon

Lesen verboten

Amazon sperrt das Konto einer Kundin und den Zugriff auf ihre E-Books, weil sie gegen Nutzungsbedingungen verstoßen haben soll. Gegen welche, will der Online-Händler aber nicht verraten. Szenen einer Leseerfahrung.
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Amazon-Chef Jeff Bezos mit Fire HD 7" und Kindle Fire HD 8.9". Quelle: Reuters

Amazon-Chef Jeff Bezos mit Fire HD 7" und Kindle Fire HD 8.9".

(Foto: Reuters)

HamburgAmazon bewirbt seinen neuen E-Reader Kindle Paperwhite mit dem Spruch "Die ultimative Leseerfahrung". Ultimativ kommt vom lateinischen Wort ultimare: zu Ende gehen. Insofern ist es nur konsequent von Amazon, wenn es nun das Kundenkonto einer Norwegerin ohne Angabe von Gründen löschte, und damit auch ihren Zugang zu allen ihren E-Books, die sie für ihr Kindle-Lesegerät gekauft hatte.

Die Geschichte der Norwegerin ist eine über Kopierschutz, E-Book-Lizenzen, über Datenverknüpfungen bei Amazon und die Unfähigkeit des Konzerns, mit Kunden und Journalisten zu kommunizieren.

Der Reihe nach: Ein norwegischer Blogger namens Martin Bekkelund hat die Geschichte der Frau als erster erzählt, indem er ihren E-Mail-Wechsel mit Amazon veröffentlichte. Die Norwegerin, die nach Angaben von Bekkelund mit Vornamen Linn heißt, bemerkte vor Kurzem, dass ihr Amazon-Konto gesperrt war. Eine Erklärung dafür hatte sie nicht, also schrieb sie eine E-Mail an Amazon mit der Bitte um Hilfe.

Die Antwort kam von einem gewissen Michael Murphy von Amazon.co.uk. Er schrieb: "Wir haben herausgefunden, dass Ihr Konto direkt mit einem anderen verbunden ist, das wir aufgrund von Verstößen gegen unsere Nutzungsbedingungen bereits gesperrt haben. Deshalb haben wir Ihr Konto gesperrt und alle offenen Bestellungen storniert." Die Nutzungsbedingungen von Amazon erlaubten es dem Unternehmen, solche Maßnahmen nach eigenem Ermessen zu ergreifen. Es folgte der Satz: "Bitte beachten Sie, dass jeder Versuch von Ihnen, ein neues Konto zu eröffnen, die gleichen Folgen haben wird".

Linn wusste nicht, wovon Murphy sprach. Sie habe immer dieses eine Konto bei Amazon gehabt und vor allem für den Kauf von E-Books genutzt, schrieb sie ihm. Wie könne es da plötzlich Probleme geben?

Die Antwort von Murphy brachte kein Licht ins Dunkel: "Wir können Ihnen nicht sagen, wie wir Konten verknüpfen. Aber bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir Ihr Konto auf der Basis von uns vorliegenden Informationen überprüft haben und Ihnen leider mitteilen müssen, dass es nicht wieder eröffnet wird. Bitte verstehen Sie, dass dies ein dauerhaftes Vorgehen ist."

Kindle Fire. Quelle: dapd

Kindle Fire.

(Foto: dapd)

Auf Linns explizite Nachfrage, ob es richtig sei, dass Amazon ihr keine Informationen darüber geben könne, wie Ihr Konto mit einem anderen verbunden sei, um welches Konto es sich überhaupt handele und gegen welche Bedingung sie verstoßen haben soll, bekam sie eine noch knappere Antwort.

Murphy schrieb: "Unglücklicherweise sind wir nicht in der Lage, Ihnen irgendwelche weitergehenden Einblicke oder Vorgehensmöglichkeiten in dieser Angelegenheit anbieten zu können. Wir wünschen Ihnen Glück bei der Suche nach einem Händler, der Ihre Bedürfnisse besser erfüllt."

Amazon verkauft keine E-Books, nur Nutzungslizenzen
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9 Kommentare zu "Skurriler Streit mit Amazon: Lesen verboten"

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  • Ich habe ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass sich marktbestimmende Unternehmen im Internet Rechte herausnehmen, die über unser geltendes deutsches Recht hinausgehen. In meinem Fall war es Ebay, dass mir als Privatverkäufer, verpackt in den PayPal-Richtlinien sämtliche BGB-Rechte absprach, und dem Käufer unter dem Deckmantel des Käuferschutzes zusprach. Meine Nachfrage im Freundeskreis dazu hat ergeben, dass sich NIEMAND bewusst ist, dass man als Privatverkäufer mit der Zahlungsweise "Paypal" auf alle Rechte verzichtet, die nach BGB-Recht gelten..... Von wegen Rückgabe nicht möglich, da Privatverkauf.....

  • @
    Beklaut-in-der-Cloud
    da haben Sie vollkommen Recht. Das Netz ist immer noch ein Rechtefreier Raum und so große Unternehmen wie Ebay und Amazon nutzen es aus. Sobald die Möglichkeiten eingeschränkt werden müssen diese Firmen massive Verluste hinnehmen. Wer denkt das Netz habe Substanz der soll mal abwarten was in 5 bis 10 Jahren sein wird. Im Moment ist Substanz da weil das System unglaublich langsam ist, sobald aber neue Technologien kommen werden gibt es keine Substanz mehr da alles extrem schnelllebig sein wird.

  • Das alles ist nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was passiert, wenn Kunden ihre Daten künftig Cloud-Dienstleistern ausliefern.
    Ein falsches Häkchen gesetzt, irgendwo bei einem billigen Drittwelt-Subdienstleister und alles geht verloren.
    Wikileaks machte schon einschlägige Erfahrungen mit AMAZON, als dort ohne Ankündigung + Rechtsgrundlage die angemieteten Kapazitäten gesperrt wurden ...
    Der Kunde ist in einem solchen abgekarteten Datenuniversum nur rechtloses Vieh.

  • Ich weiß ja nicht, wie viele Kindle-Reader inzwischen im Umlauf sind - und hier wird ein Problem einer einzelnen Dame (noch dazu nicht mir Original-Kauf) hochgeputscht.
    Natürlich ist das kein Ruhmesblatt für amazon.
    Ich habe eine Kindle, finde den total genial. Eine Bibliothek mit in Urlaub nehmen - ohnd zu schleppen, einfach super. Ich habe noch keine Problem mit amazon gehabt.
    Und liebe Kommentatoren: ich kaufe auch noch "echte" Bücher. Und mir ist durchaus klar, dass der Kindle in ein paar Jahren veraltet sein wird und was neues her muss.
    Und? Jetzt habe ich meinen Spaß daran. Und jeder, dem ich das Ding mal leihe, genauso.

  • Das beschriebene Verhalten ist eigentlich nicht spezifisch für Amazon, sondern findet isch bei allen Onlinedienstleistungen mit starker Reichweite. Ich hatte beispielsweise schon einen sehr obskuren Dialog mit einer Onlinebank, weil ich gern das Verfahren zur Berechnung der Zinsen erläutert haben wollte. Das ging nicht. Stattdessen wurde mir mit warmen (deeskalierenden) Worten erläutert, dass das Verfahren durch die Bank sauber programmiert und laufend von Wirtschaftsprüfern auf seine Richtigkeit hin überprüft wird.

    Vermutung: Die Callcenter, in denen solche Anfragen landen, wissen von den eigentlichen Sachverhalten etwa soviel wie ein interessierter Laie und die dahinterliegenden Fachabteilungen sind soweit weg vom Massengeschäft, dass sich mit einer solchen Ameise nicht beschäftigt wird. Das wird sich auch nicht ändern.

  • Reader sind absolut überflüssig. Man begibt sich nur in die Hände der Kranken (Amazon, Google etc.).

  • Das ist erst mal so nicht richtig. Denn wenn Sie das Buch verleihen oder verkaufen, dann haben Sie es nicht mehr. Lesen Sie Bücher? Sie wissen dann sicherlich, wie sehr man an den Exemplaren hängt und sie eben nur selten verleiht, höchstens nach ein paar Jahren auf dem Flohmarkt verkauft.

  • Ja, wenn das so ist. Ich hatte mir den Kindle Reader durchaus als eine weihnachtliche Option vorgestellt. Aufgrund des Vorfalls und der Tatsache, dass ein einmal von mir erworbenes Buch nicht wie ein Papierbuch in mein Eigentum übergeht, lassen mich von diesem Produkt Abstand nehmen.
    Es ist sowieso ein krudes Urheberrecht, dass erworbene Güter nicht in das Eigentum des Käufers übergehen. Man stelle sich dies einmal mit einer käuflich erworbenen Unterhose vor. Leider haben die Medienkonzerne zuviel Lobbymacht und definieren sich ihr Recht, wie sie es brauchen.

  • Danke für die Warnung! Noch Fragen warum der Markt für eBooks einfach nicht so wachsen will, wie er's eigentlich könnte?

    Wenn ich ein physisches Buch kaufe, erwerbe ich keine Leselizenz, sondern ein frei zugängliches Exemplar des Werks! Das ich ungehindert verleihen oder auch verschenken kann. Selbst gemeinsam lesen ist möglich, wenn auch nur ziemlich verbogen.

    Ein eBook sollte eigentlich genauso funktionieren, unabhängig davon welchen Reader ich dafür benutze. Denn das Werk ist hinter den Kulissen nichts anderes als eine einzige Datei, die man auch anders gegen Raubkopien schützen kann als mit Verwaltungsterror. Wenn man es denn will.

    Damit scheiden eBooks für Amazon mitsamt ihrer proprietären Formate für den Kindle-Reader für mich erst mal bis auf weiteres aus.

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