Spickmich.de
Ein Stück näher an StudiVZ

Die Gründer des Lehrerbewertungs-Portals Spickmich.de sind der Liga von StudiVZ ein Stück näher gerückt. Dank einer Lehrerin, die gegen sie vor Gericht zog. Erst explodierte die Zahl der Nutzer – jetzt stehen die Investoren bei den Studenten Schlange.

DÜSSELDORF. Vor gut drei Monaten sah die Welt von Tino Keller, Manuel Weisbrod und Philipp Weidenhiller noch so aus: Beim Jugendmedienevent der ehrenamtlichen Jungen Presse Nordrhein-Westfalen verteilten die Kölner Studenten Gummibärchen und kleine Aufkleber an Schüler und Studenten. Sie wollten mit den Geschenken auf ihr Schülernetzwerk » Spickmich.de aufmerksam machen und den jungen Besuchern die neuen Funktionen ihrer Homepage erklären – nichts weiter. Eine Viertel Million Schüler hatten sich zu dieser Zeit auf ihrem Onlineportal registriert und benoteten fleißig ihre Lehrer. Eine Zahl, die die Gründer stolz machte. Doch in erster Linie sollte ihr Unternehmen „eine solide Sache“ sein, nicht mehr und nicht weniger. Von den etwa 85 Millionen Euro, die beispielsweise die StudiVZ-Macher für ihre Online-Kontaktbörse von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck bekommen haben, wollten sie damals nichts wissen.

Mittlerweile sind Keller, Weisbrod und Weidenhiller der Liga von StudiVZ ein Stück näher gekommen. Dank einer Lehrerin, die gegen die Gründer vor Gericht zog. Zunächst hat das Landgericht Köln ihre Klage mit der Begründung auf freie Meinungsäußerung abgewiesen. Sie sah sich durch das Zeugnis, das Schüler ihr online ausstellten, in ihren „Persönlichkeitsrechten verletzt“. Vergangene Woche hat nun auch überraschend deutlich das Oberlandesgericht für die Studenten entschieden. Anonyme Lehrerbewertungen im Internet seien rechtens. Seit dem Urteil „geht es bei uns richtig ab“, sagt Tino Keller, der das Start-up zusammen mit Manuel Weisbrod und Philipp Weidenhiller Anfang des Jahres gegründet hat. Innerhalb von nur drei Tagen ist die Zahl der registrierten Nutzer um 150 000 auf jetzt rund eine halbe Million gestiegen. Täglich kommen neue Schüler dazu, auch knapp 200 000 Lehrer und Eltern sind regelmäßig online, um sich zu informieren.

Im Herbst bereits hatten die Kölner Studenten ein Büro am Zülpicher Platz angemietet und die ersten Mitarbeiter eingestellt. In Zukunft könnten es noch ein paar mehr werden – denn die Lehrerin gibt sich mit dem Urteil nicht zufrieden und plant nun sogar eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht.

Finanziell unter die Arme gegriffen haben den Spickmich-Gründern bisher zwei Business Angel, einer davon ist Jörg Rheinboldt, der ehemalige Ebay-Geschäftsführer. Doch dieses Geld war für den Start des Unternehmens gedacht und jetzt, nach mehr als einem halben Jahr, „benötigen wir neues Kapital, um unsere Ideen umzusetzen“, sagt Bernd Dicks, der die Presseanfragen bei Spickmich bearbeitet. Und was sich die Drei lange nicht vorstellen konnten, bestätigen sie jetzt: „Ja, wir sprechen konkret mit Investoren“. Seitdem sind die Kennzahlen ihres kleinen Unternehmens ein Tabu in der Öffentlichkeit. Die Mehrheit an Spickmich.de wollen sie aber auf jeden Fall halten und ihr Start-up nicht komplett verkaufen – zumindest noch nicht.

Auch Experten haben das Potenzial von Spickmich.de längst erkannt: „Ich kann mir vorstellen, dass Investoren Schlange stehen“, sagt Ron Hillmann von Iven & Hillmann, einer Beratungsagentur für Online-Marketing. Er sieht es als Vorteil, dass sich die jungen Macher noch nicht auf ein Geschäftsmodell festlegen müssen. „Sie haben die Lehrerbewertung, mit dem Rest können sie experimentieren.“ Doch das Trio hat schon eine vage Vorstellung, wie es weitergehen wird: Ein Jugendmagazin soll es werden, ein Mix aus Unterhaltung, Information und eben zahlreichen Möglichkeiten zum Mitmachen. Eine Art Bravo 2.0. Vorbild ist die Online-Ausgabe der Jugendzeitschrift Spießer. In ein bis zwei Monaten soll es dann auch endlich mit dem Geld verdienen losgehen. Bannerwerbung, Kooperationen mit dem Radiosender Eins Live, ein T-Shirt-Shop – das alles ist vorstellbar. Bisher gibt es auf Spickmich.de noch keinerlei Werbung – und dementsprechend auch keinen Umsatz.

Ob sich mit diesen Ideen allerdings Geld verdienen lässt, müssen sie erst einmal beweisen. Ron Hillmann könnte sich vorstellen, dass beispielsweise Privatschulen oder lokale Musikschulen auf Spickmich.de Werbung platzieren. Die Vermarktungsmöglichkeiten sind vielfältig. Die größte Herausforderung dürfte darin liegen, die Nutzer möglichst lange zu begeistern. „Die jungen Nutzer drehen die Nase stark nach dem Wind. Es könnte schwer werden, sie wirklich lange bei dem Netzwerk zu halten“, sagt Heiko Hebig, Leiter des Bereichs Medienentwicklung bei Burda Research und Development. Er ist im Verlag für das Internetgeschäft zuständig. Wichtig sei deshalb, Investoren ins Boot zu holen, die sich in der Branche auskennen und das Portal strategisch weiterentwickeln.

Um die strategische Weiterentwicklung kümmert sich Keller unterdessen selbst. Der Kölner BWL-Student hat gerade sein Thema für die abschließende Diplomarbeit klar gemacht: „Theoretische Grundlagen und Erfolgsfaktoren von Social Networks unter besonderer Berücksichtigung des Schülernetzwerks Spickmich.de.“

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