Streik in München
Bei Infineon kochen die Emotionen hoch

Als am Montagmorgen drei abgedunkelte Busse vor den Werkstoren von Infineon in München vorfahren, wird es laut. Mehrere hundert Streikende pfeifen und buhen, mit vereinten Kräften gelingt es ihnen, die Busse an der Weiterfahrt zu hindern. In den Fahrzeugen vermuten die empörten Protestler Streikbrecher, die Infineon hat herbeikarren lassen, um die Produktion in dem vom Streik betroffenen Werk aufrechterhalten zu können.

dpa MüNCHEN. Als am Montagmorgen drei abgedunkelte Busse vor den Werkstoren von Infineon in München vorfahren, wird es laut. Mehrere hundert Streikende pfeifen und buhen, mit vereinten Kräften gelingt es ihnen, die Busse an der Weiterfahrt zu hindern.

In den Fahrzeugen vermuten die empörten Protestler Streikbrecher, die Infineon hat herbeikarren lassen, um die Produktion in dem vom Streik betroffenen Werk aufrechterhalten zu können. 1 000 Euro pro Tag sei den Beschäftigten anderer Infineon-Werke geboten worden, wenn sie die Arbeit ihrer streikenden Kollegen übernehmen, macht als Gerücht die Runde.

Die Busse müssen jedenfalls unverrichteter Dinge kehrt machen. „Wir können mit Freude feststellen, dass die Produktion lahm liegt“, sagt Streikführer Michael Leppek von der IG Metall. Die Gewerkschaft hatte zu der Arbeitsniederlegung aufgerufen, weil Infineon das Werk Anfang 2007 dicht machen will.

Andrea Dumberger steht schon seit Mitternacht mit ihrer roten Plastikweste mit der Aufschrift „Wir streiken“ vor dem Haupteingang des Werks in München-Perlach. „Ich weiß nicht genau, ob wir Infineon dazu bringen können, das Werk nicht zu schließen“, sagt sie. „Aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Wir gehen nicht, ohne zu kämpfen.“

Nach Einschätzung der Infineon-Führung ist die Chipfabrik veraltet. Das Werk werde eher zu spät als zu früh geschlossen. Infineon bedauere zwar, dass die Entscheidung notwendig geworden sei, sagt der zuständige Infineon-Manager Reinhard Ploss. „Wir haben aber eine Gesamtverantwortung. Da muss man manchmal an einer Stelle etwas wegschneiden, damit der Rest gesund bleibt.“

Die laut Gewerkschaft 450 Infineon-Mitarbeiter vor dem Werkstor haben für diese Standortpolitik nur wenig Verständnis. Alle zehn Eingangstore des Werks haben sie besetzt. „Wir bleiben hier, dafür kämpfen wir“ steht auf Plakaten, mit denen sie die Zäune gepflastert haben, und: „Perlach ist das Beste, was sich Infineon leisten kann“. Wer in das Werk hinein will, wird von den Protestlern kontrolliert. „Wer mit einem Ausweis beweisen kann, dass er nicht bei Infineon arbeitet, darf rein“, sagt Yavan Zafer von der Streikleitung, „aber Infineon-Mitarbeiter lassen wir nicht durch.“

Der 42-jährige Zafer arbeitet schon seit 1985 als Operator bei Infineon. „Wenigstens ein paar Jahre soll das Werk hier noch erhalten bleiben. Dafür kämpfen wir.“ Besonders freut sich Zaver über die große Solidarität. „Auch Mitarbeiter von anderen Betrieben haben heute Morgen vor ihrer Arbeit mitgestreikt und sogar Privatpersonen bringen uns Kaffee vorbei.“ Den können die Streikenden gut gebrauchen. „Ich bin seit fast 20 Stunden hier und kann mich kaum noch auf den Beinen halten“, sagt Zaver.

Ob das Werk dadurch wirklich erhalten bleiben kann, daran zweifeln aber auch einige der Streikenden. „Das ist einfach ein teurer Standort hier, das wissen wir ja auch“, sagt ein 42-jähriger Anlagenverantwortlicher, „ich glaube nicht, dass ich meinen Job behalten kann, aber ich werde dafür kämpfen. Notfalls streike ich hier ein Jahr lang.“ Das sieht auch die Anlagenbedienerin Anita so. „Wir können gar nicht anders, der Streik ist einfach unsere einzige Hoffnung.“

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